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Artur Anders war nach Kriegsende der erste Bürgermeister in Lengerich

Von Dunkel und Elend geprägt

Lengerich

Artur Anders war nach Kriegsende der erste Bürgermeister in Lengerich. Wie seine Arbeit damals aussah, damit befasst sich unter anderem die Serie „Das Kriegsende in Lengerich“.

Bernd Hammerschmidt

Artur Anders Foto: Stadtarchiv Lengerich

Mit der Amtsenthebung von Philipp Krätzer am 24. Oktober 1945 durch die Briten ging die Ernennung von Artur Anders (1896-1976) zum Bürgermeister und Stadtdirektor einher. Für Artur Anders gilt zweifelsohne das, was Thomas Muncke 1986 rückblickend feststellte: „Der Zufall spielte eine große Rolle bei der Besetzung der Bürgermeisterämter.“ Anders und seine Frau hielten sich im Oktober 1945 in Osnabrück auf, der Heimatstadt von Frau Anders. Nach Darstellung von Hans-Jürgen Milling forderte Hans Wunderlich, „der spätere Chefredakteur der ‚Westfälischen Rundschau‘, … Artur Anders auf, sich um den Lengericher Bürgermeisterposten zu bewerben.“ Die beiden kannten sich aus der gemeinsamen Arbeit für die SPD in Osnabrück und Anders schrieb „mit Kopierstift“ an die britische Militärverwaltung, die ihn für die neue Aufgabe als geeignet betrachtete.

Der gebürtige Breslauer brachte eine langjährige Verwaltungserfahrung im Krankenkassen-Bereich mit; zudem galt er als SPD-Mitglied, der zweimal während der NS-Zeit in „Schutzhaft“ war, als politisch unbelastet. Aber in Lengerich war er zunächst ein Außenseiter. Er kam als Katholik in eine überwiegend protestantische Stadt, er war ein Ortsfremder und zudem war er nicht demokratisch gewählt, sondern arbeitete nun in Lengerich als von der britischen Besatzungsmacht eingesetzter – man könnte auch sagen, den Lengerichern vorgesetzter – Bürgermeister und Chef der Verwaltung.

Artur Anders

Die Arbeit des Bürgermeisters und der Stadtverwaltung geschah in diesen ersten Monaten unter schwierigsten Bedingungen. Bei seiner Ankunft in Lengerich am 23. Oktober 1945 kam Anders in eine Stadt, die von Dunkel und Elend geprägt war, wie er rückblickend im Dezember 1952 feststellte. Überall fehlten Wohnungen und Lebensmittel, und das Wirtschaftsamt konnte nur den Mangel verwalten. Häufig konnten die Lebensmittelkarten nicht gegen reale Güter eingetauscht werden – „Unzufriedenheit, Neid, Haß und Verleumdungen“ waren nach Anders‘ Worten an der Tagesordnung. Die Stadtverwaltung, die personell und materiell schlecht ausgestattet war, konnte nur sehr bedingt helfen. Eine Maßnahme, um der allseits herrschenden Not zu begegnen, war die Einrichtung der Lengericher Volksküche; durch großes Organisationsgeschick und durch Tauschhandel gelang es, notwendige Lebensmittel zu bekommen und in der Küche der Realschule zu einer warmen Mahlzeit zu verarbeiten. Nur durch gegenseitige Hilfe konnte der Anstoß, der aus der Stadtverwaltung kam, in den ersten drei Nachkriegsjahren erfolgreich umgesetzt werden.

Und in dieser schwierigen Situation erreichten immer wieder Flüchtlingstransporte das Durchgangslager Lengerich. Schon am Tag des Amtsantritts von Artur Anders, am 24. Oktober 1945, kam ein Zug mit Flüchtlingen an, die alle untergebracht und ärztlich versorgt werden mussten. Bis Ende 1945 handelte es sich überwiegend um Evakuierte aus den Westgebieten, die während der letzten Kriegsmonate im Gebiet zwischen Oder und Neiße Schutz suchten und die Gelegenheit nutzten, wieder in die Heimat zurückzukehren. Später kamen viele Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten. Im März 1946 wurde Anders vom Tecklenburger Oberkreisdirektor beauftragt, in eigener Verantwortung ein Auffang- und Durchgangslager für Ostflüchtlinge einzurichten. So lässt sich mit Hans-Jürgen Milling zusammenfassend sagen: „Das Flüchtlingsproblem verschärfte die soziale Not der Nachkriegsjahre, indem es die Ernährungs-, Wohnungs- und Versorgungssituation zunächst verschlechterte.“

Zur Mitberatung bezüglich der Lösung der grundlegenden Aufgaben war am 15. Oktober 1945 ein Beirat eingesetzt worden, dessen sieben Mitglieder vom Bürgermeister und Landrat vorgeschlagen und durch die Militärregierung ernannt worden waren. Mit diesem Gremium, das nur beratende Funktion hatte, arbeitete Anders bis zum 11. Februar 1946 zusammen. Es handelte sich um den Angestellten Heinrich Hüsemann, den Bauern Albert Hollenberg, den Holzschuhmacher Gottfried Brockmann, den Ingenieur Severin Stumpe, den Schlosser Willi Christoffer, den Maurer Gustav Peters und den KFZ-Meister Wilhelm Suhre.

Nach dem Willen der britischen Regierung sollte sich die deutsche Selbstverwaltung deutlich unterscheiden von den Vorgaben der zentralistischen Deutschen Gemeindeordnung, die am 30. Januar 1935 von den Nationalsozialisten eingeführt worden war und die die bisherigen demokratischen Elemente eliminiert hatte. Gemäß dem Vorbild der englischen Lokalverwaltungen formulierte die britische Besatzungsmacht in der September Direktive von 1945 einige Grundsätze, die in den folgenden Jahren in NRW sehr wichtig werden sollten. Grundprinzip war dabei die Trennung von Legislativ- und Exekutivfunktionen in der Gemeindespitze; personell bedeutete dies, dass neben dem Amt des (ehrenamtlichen) Bürgermeisters, der zusammen mit dem Stadtrat die politischen Vorgaben für die Gemeinde festlegte, die Funktion des (beamteten) Gemeindedirektors geschaffen wurde, der entsprechend den politischen Leitlinien des Gemeinderates die Verwaltung zu organisieren und zu leiten hatte.

Daher erfolgte in der ersten Sitzung des ersten (ernannten) Lengericher Gemeinderates am 12. Februar 1946 die Wahl Heinrich Hüsemanns (SPD) zum Bürgermeister und die Ernennung von Artur Anders zum Stadtdirektor. In dieser Sitzung gab Anders laut Protokoll einen „Rechenschafts- bezw. Tätigkeitsbericht“, doch seine Ausführungen gingen darüber hinaus. Den Schwerpunkt seiner Ansprache bildeten die Erläuterungen zum neuen, von den Briten vorgegebenen Modell der Kommunalverwaltung sowie sein Ausblick über die in der Folgezeit zu bewältigenden Aufgaben – so sprach er über fehlende Wohnungen, den Straßenbau, das Krankenhaus, die Polizeireform, die allgemeine Versorgung der Bevölkerung; sogar zum Erziehungswesen, zu Kulturaufgaben und zu einer neuen Volksbücherei äußerte er sich knapp vier Monate nach seinem Amtsantritt in Lengerich. Daneben bezog er unmissverständlich Stellung zur Zeit der Nazi-Herrschaft: Er sprach von einem „Terror- und Gewaltsystem …, welches alles beseitigte, was ihm im Weg stand.“ Von Anfang an habe das Regime auf den Krieg hingearbeitet, „der im Jahre 1945 zur Katastrophe und zum vollständigen Zusammenbruch des deutschen Volkes geführt habe.“ Für die Zukunft sagte er „Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit“ voraus – diese müsse sich immer am Gemeinwohl orientieren.

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