1. www.wn.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Lengerich
  6. >
  7. Zwei Absagen markieren den Beginn

  8. >

Bürgermeister Wilhelm Möhrke über Krisenmanagement und ungezwungenes Beisammensein

Zwei Absagen markieren den Beginn

Lengerich

Für die Stadtverwaltung ist die Corona-Krise eine besondere Herausforderung. Wie auch andernorts wurde eigens ein Krisenstab eingerichtet. Aber auch Bürgermeister Wilhelm Möhrke hat mit der Eindämmung und Bekämpfung der Pandemie einiges zu tun, wie er im Interview berichtet.

wn

Bürgermeister Wilhelm Möhrke Foto: Verena Peters

Für Bürgermeister Wilhelm Möhrke begann die Corona-Pandemie nicht erst am 12. März, sondern bereits eine Woche vorher, als bekannt wurde, dass es einen Verdachtsfall in der Stadt gibt. Seinerzeit sei schnelles Handeln erforderlich gewesen. Das und mehr erzählt er im Interview mit WN-Redakteur Paul Meyer zu Brickwedde.

Herr Bürgermeister, vor einem Jahr wurde der erste Corona-Fall in Lengerich bestätigt. Können Sie sich noch daran erinnern, was Sie damals gedacht haben? War Ihr Blick auf die Entwicklung als studierter Apotheker ein besonderer?

Wilhelm Möhrke: Die ganze Situation fing für mich bereits eine Woche vorher an. Am 5. März erfuhr ich fünf Minuten vor Beginn einer Sitzung des Planungs- und Umweltausschusses, dass wir einen Verdachtsfall in Lengerich hatten. Das war für mich der Einstieg in das Corona-Krisenmanagement, weil am nächsten Tag der MGV Settel in der Gempt-Halle eine Veranstaltung hätte haben sollen und am 7. März die Lengericher Sportschau stattfinden sollte. Am Freitagmorgen musste dann erst einmal geklärt werden, ob das noch ging. Ich habe dann – auch als Apotheker – das Risiko gesehen, dass sich dort zig Leute infizieren könnten. Etwa so, wie bei der Karnevalssitzung in Heinsberg. Deswegen haben wir es abgesagt, was keine einfache Entscheidung war.

Nach zwölf Monaten: Wie fällt Ihre Corona-Bilanz für Lengerich aus?

Möhrke: Insgesamt gesehen sind wir damit sehr gut zurechtgekommen. Und das, weil die Menschen sehr diszipliniert sind. Bei mir im Haus wurden, besonders im Fachdienst Sicherheit und Ordnung, aber beispielsweise auch im Fachdienst Schule, Sport, Kultur, massiv Überstunden gemacht. Die gesamte Verwaltungsarbeit ist mittlerweile stark durch das Thema Corona geprägt. Ich muss ganz ehrlich gestehen: Wenn ich vorher gewusst hätte, wie viele Schwierigkeiten auf uns zukommen, hätte ich nicht gedacht, dass wir die so gut meistern.

Schauen Sie sich denn jeden Tag die Zahlen für Lengerich an?

Möhrke: Ich schaue mir den Inzidenzwert des Kreises an und ich schaue mir an, wo wir als Kommune kreisweit stehen.

Als Bürgermeister tragen Sie die Verantwortung für die Stadt. Inwieweit haben Sie da überhaupt die Zeit, sich Gedanken über die eigene Gesundheit zu machen oder über das Wohlbefinden der Familie?

Möhrke: Ich und meine Frau versuchen Kontakte zu anderen Personen weitgehend zu verhindern. Egal ob Geburts- oder Weihnachtsfeier – wir verhalten uns nicht anders als andere Familien. Um mich selber mache ich mir wenig Sorgen, gar keine eigentlich.

Wird sich Corona Ihrer Einschätzung nach langfristig auf die städtische Gesellschaft auswirken, also auch dann noch Spuren hinterlassen, wenn die pandemische Situation ein Ende gefunden hat? 

Möhrke: Ja, das wird sicher so sein. Ich glaube, die Menschen unternehmen auch nach Corona seltener große Reisen und bleiben mehr in der Region. Wir werden weiterhin erleben, dass die Leute aus Dortmund oder Vechta zum Teuto und zum Canyon kommen. Das heißt: Vieles wird sich verändern und nicht alles zum Positiven. Aber ich glaube auch, dass wir mehr zusammenrücken, dass wir es beispielsweise wertschätzen, wenn Geschäfte noch vor der Tür sind.

Haben Sie sich in den vergangenen Monaten irgendwann einmal auf Corona testen lassen?

Möhrke: Ich habe mich bislang nicht testen lassen. Ich habe mich auch noch nicht impfen lassen. Und ich war auch noch nicht beim Friseur. Aber natürlich werde ich mich impfen lassen, wenn ich dran bin.

Und der Friseurtermin?

Möhrke: Ich glaube, der ist am 16. März.

Wie gehen Sie in die kommenden Wochen und Monate: optimistisch oder pessimistisch?

Möhrke: Ich bin optimistisch. Dadurch, dass sich die Leute zunehmend mehr draußen aufhalten, werden die Zahlen sinken – trotz Mutanten. Aber es gibt schon auch Dinge, die mich stören. Viele Versprechen sind von der großen Politik zu früh gemacht worden, nach dem Motto: Wenn der Impfstoff da ist, ist Corona vorbei. Es wurden so Hoffnungen geweckt, ohne zu liefern. Das erleben wir jetzt erneut bei den Testmöglichkeiten. Corona wird aber nicht verschwinden, nicht durchs Impfen, nicht durchs Testen. Wir werden lernen müssen, damit umzugehen. Insgesamt bin ich dennoch durchaus gut zufrieden, mit dem, was die Bundesregierung abgeliefert hat.

Corona-Müdigkeit, ein Begriff, der derzeit häufig benutzt wird, um die Stimmung in der Bevölkerung zu beschreiben. Sind Sie auch müde und mürbe in Bezug auf die Einschränkungen?

Möhrke: Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe schon im vergangenen Jahr zu Ostern in einer Videobotschaft gesagt, dass es ein langer Weg wird. Genau das hat sich bewahrheitet.

Wann dürfen die Lengericher denn hoffen, wieder so etwas wie Normalität zu erleben? Kann ich im Sommer beispielsweise wieder Musik auf dem Rathausplatz hören?

Möhrke: Eine sehr schwierige Frage. Dass wir wieder große Veranstaltungen machen, könnte vielleicht im Herbst denkbar sein, je nachdem, wie weit wir mit den Testungen sind. Aber da bin ich doch eher pessimistisch. Realistischer scheint mir das nächste Jahr zu sein.

Wenn es soweit ist: Worauf freuen Sie sich besonders?

Möhrke: So etwas wie „Rock am Rathaus“, wo man entspannt hingehen, sich mit Leuten unterhalten, ein Bier trinken und Musik hören kann. Einfach dieses ungezwungene gesellschaftliche Leben ohne irgendwelche Regeln und Sorgen, das ist das, was wir alle am meisten vermissen.

Startseite