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Johann Hinrich Wichern legt 1838 im Rauhen Haus in Hamburg den Grundstock

Die ersten Adventskranz-Kerzen brennen in einer Erziehungsanstalt für Kinder

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Wann und wo sind die ersten Adventskranz-Kerzen angezündet worden? Der Lienener Historiker Christof Spannhoff hat sich auf die Suche gemacht. Die Antworten überraschen: Sowohl Adventskranz wie auch Adventskalender haben ihren Ursprung im Rauhen Haus in Hamburg.

Christoph Spannhoff

Am Sonntag darf die erste Kerze am Adventskranz anezündet werden. Foto: Colourbox.de

Für viele Menschen gehört er untrennbar zur Adventszeit dazu: der Adventskranz. Allerdings handelt es sich um eine noch recht junge Erfindung. Denn der Adventskranz geht auf Johann Hinrich Wichern (1808–1881) zurück, den Begründer der evangelischen Inneren Mission und des Rauhen Hauses in Hamburg.

Das Rauhe Haus wurde 1833 als Erziehungsanstalt für Kinder gegründet. Bereits in der Adventszeit 1838 begann Wichern damit, bei den Andachten im Rauhen Haus Kerzen anzuzünden. Dabei ließ Wichern nicht alle aufgestellten Kerzen auf einmal anzünden, sondern ab dem ersten Advent jeden Tag eine Kerze mehr, bis an Heiligabend alle Kerzen brannten.

Für diese Kerzenfülle gab Wichern die Anfertigung eines Holzreifens von etwa zwei Metern Durchmesser in Auftrag. Der erste Adventskranz war damit erfunden. Doch sollte es noch lange dauern, bis sich der Adventskranz allgemein einbürgerte.

Nach Westfalen gelangte er erst nach dem Ersten Weltkrieg. Da er zunächst als „lutherischer Brauch“ galt, wurde er sowohl von der katholischen als auch reformierten Bevölkerung abgelehnt. Seine Verbreitung ging von den evangelischen Pfarrhäusern aus und wurde über die Gemeindeschwestern und die evangelischen Mädchenkreise und Frauenvereine vermittelt.

Auch die Schule trug maßgeblich zur Wanderung des Adventskranzes in die Familien bei. Dort löste er sich aus seiner konfessionellen Bindung und gelangte auch in katholische Haushalte. So heißt es etwa in einem Bericht aus Wettringen: „Die ersten Adventskränze sah man damals in der Schule, und zwar in den Klassen, die von Lehrerinnen geleitet wurden.“

Zudem darf der Einfluss der Gärtner und Blumenhändler seit den 1930er Jahren auf die Etablierung des Adventskranzes nicht unterschätzt werden. An den Adventskranz war als Familienbrauch auch eine religiöse Feierstunde gebunden, in der auf die Bedeutung von Weihnachten und der Geburt des Erlösers hingewiesen wurde.

Die Reduzierung von ursprünglich 28 (4 x 7 Tage) auf vier Kerzen war dem häuslichen Gebrauch und der damit einhergehenden Verkleinerung des Kranzes geschuldet.

Auch der heute bei den Kindern beliebte Adventskalender wurde von Johann Hinrich Wichern erfunden. Wie der Adventskranz diente er als „Zeitmesser“ für seine Schützlinge im Rauhen Haus in der Vorbereitung auf Weihnachten. Die ersten Adventskalender waren noch recht einfach gehalten. So wurden etwa auf eine Wand 24 Kreidestriche aufgetragen und jeden Tag einer davon weggewischt. Oder es wurde jeden Tag ein Strohhalm in eine Krippe gelegt. Manchmal bekamen die Kinder jeden Tag ein neues religiöses Bild oder eine biblische Verheißung.

Der erste gedruckte Adventskalender erschien 1908 und förderte dessen Verbreitung. Heute gibt es unzählige Arten von Adventskalendern, die größtenteils allerdings ihren besinnlichen Charakter verloren haben

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