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Anita und Jochen Pellemeier beliefern Wohnmobil-Kunden

Dinner auf den eigenen vier Rädern

Lienen

Beim ersten Mal haben sich Anita und Jochen Pellemeier nichts dabei gedacht. Während des Lockdowns im Frühjahr 2020 hielt ein Wohnmobil auf ihrem Parkplatz. Die Insassen bestellten Essen und verzehrten das dann in ihrem rollenden Heim. Im Herbst fragt die 56-Jährige ihren Mann, ob sie nicht auch so etwas machen sollten.

Michael Baar

Unterwegs zu den Kunden. Anita Pellemeier mit einem Kuddel und den Warmhaltebehälter auf dem Parkplatz am Hallenbad. Foto: Pellemeier

Beim ersten Mal haben sich Anita und Jochen Pellemeier nichts dabei gedacht. Während des Lockdowns im Frühjahr 2020 hielt ein Wohnmobil auf ihrem Parkplatz. Die Insassen bestellten Essen und verzehrten das dann in ihrem rollenden Heim. Im Herbst fragt die 56-Jährige ihren Mann, ob sie nicht auch so etwas machen sollten. „Da war gerade ein Wohnmobil bei uns vorbeigefahren“, sagt der 55-Jährige.

Im Internet entdeckt Anita Pellemeier die Seite Wohnmobil-Dinner. „Da waren erst wenige Restaurants dabei, aber meine Frau hat gesagt, das können wir doch auch machen“, erinnert sich Jochen Pellemeier. Geläufiger ist vielen der Name „Joe“. „Den hat mein Enkel kreiert, der statt Jochen immer so etwas wie Joe gesagt hat“, erklärt er den Hintergrund dieser „Namensänderung“.

Zu diesem Zeitpunkt liegt eine schwierige Zeit hinter „Opa Joe‘s Roadhouse“. Mit dem ersten Lockdown bricht der Umsatz ein, das Restaurant ist geschlossen. Auf „vielleicht noch 30 Prozent“ des normalen Umsatzes schätzt der Gastronom die dadurch bedingten Einbußen. Getränke werden fast gar nicht mehr umgesetzt. „Die Leute haben bestellt und ihr Menü dann abgeholt, um zu Hause zu essen“, beschreibt er den damals reduzierten Betrieb. An einem haben Anita und Jochen Pellemeier nie gerüttelt. „An der Qualität der Speisen haben wir nie gespart, wir haben schließlich einen Ruf zu verlieren.“

Als im Frühjahr die Restaurants wieder öffnen dürfen, hat das Ehepaar die erforderlichen Maßnahmen zur Einhaltung der Hygieneregeln schnell umgesetzt. Die Zahl der 130 Plätze wurde auf gut die Hälfte reduziert. Die Abstandsregeln auch im Außenbereich durchgezogen. „Wir haben das Konzept mit dem Ordnungsamt und dem Gesundheitsamt abgestimmt“, erläutert Jochen Pellemeier. Später folgen noch Trennscheiben im Restaurant, um einige Plätze mehr anbieten zu können.

„Die Leute waren froh, wieder raus zu können“, erinnert sich Anita Pellemeier. Was sie auch daran festmacht, dass an manchen Tagen potenzielle Gäste abgewiesen werden mussten. „Wir waren einfach voll.“ Die Einführung eines Schichtbetriebes – „wenn einer um 17.30 Uhr gekommen ist, haben wir ihn darauf hingewiesen, dass er bis 19.30 Uhr den Tisch wieder räumen muss“ – bringt etwas Entzerrung.

So 3000 bis 4000 Euro, schätzt Jochen Pellemeier, hat er für die Umsetzung der Hygieneregeln investiert. Vom Desinfektionsmittel-Spender über zahllose Hinweisschilder bis zu den Einweg-Speisekarten, die einfach ausgedruckt werden. Als aufwendig haben die beiden die vom Personal geforderten Dokumentationen empfunden. „Alle halbe Stunde mussten die dokumentieren, dass sie sich die Hände gewaschen haben und so weiter“, beschreibt Jochen Pellemeier den auf gesetzlichen Vorgaben beruhenden Aufwand. Wobei er die Zusammenarbeit mit Ordnungs- und Gesundheitsamt ausdrücklich lobt. „Die sehen wir als Berater, nicht als Kontrolleure, so wie das gelaufen ist.“

Dass mit dem zweiten Lockdown auch die Restaurants wieder schließen mussten – mit Blick auf den zuvor betriebenen Aufwand in Sachen Hygiene versteht das Ehepaar das nicht. „Da geht es uns wie vielen Berufskollegen“, sagt der Gas-tronom.

Das vorbeifahrende Wohnmobil bringt sie auf die Idee des Wohnmobil-Dinners. Auch dafür gelten klare Regeln. Das Essen wird telefonisch bestellt und zum vereinbarten Zeitpunkt an die Außentür des rollenden Heims geliefert. Die Wohnmobile und Caravans stehen in der Regel auf dem Parkplatz am Hallenbad. Denn auch für die Form der Kulinarik gilt das Verzehrverbot im Umkreis von 50 Metern um die Verkaufsstelle. Sind die Gäste satt, rufen sie erneut an – dann wird das benutzte Geschirr wieder abgeholt. In der Regel verbunden mit einem Lob für das Verzehrte.

In Verbindung mit dem weiter angebotenen Außer-Haus-Verkauf erreichen sie knapp die Umsatzzahlen aus der Zeit des ersten Lockdowns. „Das meiste machen wir allein“, beschreibt Jochen Pellemeier den Umfang der anfallenden Arbeit. Nur wenn‘s sich richtig knubbelt, packen zwei weitere Kräfte mit an. „Servicepersonal brauchen wir nicht, was sollen wir damit“, fragt Jochen Pellemeier.

Das lenkt seinen Blick auf die Zeit, wenn er das Restaurant wieder öffnen darf. „Ab 15. Februar wird das wohl nicht der Fall sein“, prognostiziert der 55-Jährige. Und auf Dauer, da ist er sicher, werden nicht alle Berufskollegen überleben. Trotz 9000 Euro Soforthilfe, die im vergangenen Jahr geflossen sind. „Da ist ja noch offen, ob wir das Geld zurückzahlen müssen.“ Von der angekündigten November-Hilfe ist die Hälfte in diesem Monat angekommen. Und dann sind da noch die Steuerstundungen. „Wie das Wort sagt, muss das ja irgendwann gezahlt werden.“

Glücklich mit dem, was die Politik entschieden hat, ist er nicht. Das ist nicht zu überhören. „Ich möchte aber auch nicht in deren Haut stecken und Corona-Entscheidungen treffen müssen“, fügt er direkt hinzu. „Opa Joe‘s Roadhouse“ werde es weiter geben, versichert das Ehepaar unisono. Schließlich sind es in diesem Jahr 40 Jahre, auf die das Restaurant am Thieplatz zurückblickt.

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