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Esmail Ayobi lebt als Konvertit in Lienen

„Ich gehe nie in den Iran zurück“

LIenen

Menschen, die sich zu Tausenden vor oder auf dem Flughafen von Kabul drängen. Die unbedingt rauswollen aus dem Land, in dem Islamisten die Macht übernommen haben. Esmail Ayobi kann sie verstehen. Der Iraner ist vor drei Jahren aus seiner Heimat geflohen, weil er im Land der Mullahs für sich und seine Familie keine Zukunft mehr sah. „Die Situation in beiden Ländern ist ähnlich“, sagt er mit Blick auf die Menschenrechte.

Von Michael Schwakenbergund

Will auf keinen Fall in seine alte Heimat Teheran (rundes Bild) zurück: Ayobi Esmail, der mit seiner kleinen Familie in Lienen lebt. Foto: msc

Menschen, die sich zu Tausenden vor oder auf dem Flughafen von Kabul drängen. Die unbedingt rauswollen aus dem Land, in dem Islamisten die Macht übernommen haben. Esmail Ayobi kann sie verstehen. Der Iraner ist vor drei Jahren aus seiner Heimat geflohen, weil er im Land der Mullahs für sich und seine Familie keine Zukunft mehr sah. „Die Situation in beiden Ländern ist ähnlich“, sagt er mit Blick auf die Menschenrechte.

Ayobi stammt aus einer muslimischen Familie. Finanziell kam er über die Runden. Dennoch fassten seine Frau und er den Beschluss zu fliehen und vertrauten sich Schleusern an. „Insgesamt habe ich über 30 000 Euro bezahlt“, berichtet er. Bei Nacht ging es mit einem Auto über die iranisch-türkische Grenze, von der Türkei aus mit einem Flugzeug weiter nach Athen. Auf dem Flughafen der griechischen Hauptstadt passierte dann etwas, was die Pläne erstmal durchkreuzte: Ayobi verlor seine Frau und seinen Sohn aus den Augen. Er bestieg allein das Flugzeug nach Deutschland. „Mein Sohn kam 2019 mit einer belgischen Familie nach. Ich bin nach Köln gefahren, um ihn dort abzuholen“, erzählt er. Auf das Wiedersehen mit seiner Frau musste er zwei Jahre warten. Erst nachdem er als Asylbewerber anerkannt war, durfte er sie nach Deutschland holen.

Warum sich das Ehepaar damals zur Flucht entschloss? Weil es zum Christentum übergetreten war. Zunächst nur innerlich, aber das aus tiefer Überzeugung. Zwar gibt es im Iran anerkannte christliche Minderheiten (siehe Infokasten). „Aber Muslimen ist es verboten, eine Kirche zu betreten und an einem Gottesdienst teilzunehmen“, berichtet Ayobi.

Er selbst bekam das erste Mal im Jahr 2010 Probleme. Nach seinem Schulabschluss hatte er eine Ausbildung zum Fotografen gemacht, die er mit einem Diplom abschloss, und arbeitete bei einer Zeitung. „Da habe ich mal eine Kirche fotografiert und etwas über sie geschrieben“, berichtet er. Daraufhin habe sein Chef ihn vor die Tür gesetzt. Mit der Begründung: Ayobi denke christlich und könne deshalb nicht weiter für die Zeitung arbeiten. Der junge Mann schlug sich zunächst als Koch und Bäcker durch und eröffnete später sogar ein eigenes Bekleidungsgeschäft.

Nach der Flucht lebte er zunächst in einem Camp in der Nähe von Köln, kam nach einigen Monaten nach Lienen, wo er und seine Frau sich in der evangelischen Kirche taufen ließen. Ihren Sohn hatte Ayobis Frau bereits in Griechenland taufen lassen.

Aber warum sind sie eigentlich Christen geworden? Zwei Punkte sind Ayobi besonders wichtig: Für ihn ist Jesus der Sohn Gottes; und das Christentum stehe für Vergebung, nicht für Vergeltung, die er oft im Islam erlebt habe. Das Christentum ist für ihn schlichtweg die friedlichere Religion.

Mögen Konvertiten im Iran auch als Abtrünnige betrachtet und verfolgt werden: Ayobi hat keine Angst seine Geschichte zu erzählen und mit einem Foto in der Zeitung zu erscheinen. Für ihn steht fest: „Ich werde nie in den Iran zurückgehen.“ Wohlwissend, dass er seine Eltern womöglich nie wiedersehen wird.

Wie geht es weiter für den Neu-Lienener? Zwischenzeitlich hat er wieder als Koch gearbeitet, auch eine Lehre als Maler begonnen, diese aber nach kurzer Zeit abgebrochen. „Mein Traum ist, wieder als Fotograf zu arbeiten.“ Kontakte hat er bereits geknüpft. Aktuell absolviert er einen Deutschkurs an der Volkshochschule, macht den Führerschein und spart auf eine eigene Kamera. Seine alte Ausrüstung liegt noch bei seinen Eltern in Teheran. „Aber wegen der Sanktionen durch die USA kann mein Vater sie mir nicht schicken.“

Ayobi hofft, in ein paar Jahren auch seine Eltern nach Deutschland holen zu können. Die seien anfangs verärgert gewesen über seine Entscheidung, zum Christentum überzutreten und das Land zu verlassen. Inzwischen hätten sie ihre Meinung aber geändert.

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