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Der Südhang des Teutoburger Waldes wurde im Mittelalter ackerbaulich genutzt

Landwirte waren einst „Bergbauern“

Lienen

Es gibt Spuren, die zeigen, dass die Bauern in Höste, Westerbeck, Aldrup und Lienen derzeit nicht nur Waldbauern sind, sondern früher auch regelrechte „Bergbauern“ waren.

Von Christof Spannhoff

Auch in Lienen-Höste lassen sich für das Expertenauge im Digitalen Geländemodell deutlich die mittelalterlichen Ackerterrassen erkennen. Foto: Geobasis NRW

Obwohl man es vielleicht zunächst nicht vermuten sollte – auch Altertumswissenschaftler setzen heute modernste Technik ein und gelangen dadurch zu erstaunlichen Ergebnissen. So sind etwa Archäologen schon lange nicht mehr nur mit dem Spaten unterwegs. Sie nutzen heute Magnetometer oder 3D-Bodenscanner, um Strukturen sichtbar zu machen, die sich unterhalb der Erdoberfläche befinden.

Zudem bieten Daten, die in großer Höhe gewonnen werden, aktuell viele neue Erkenntnisse, die dem bloßen Auge am Boden verborgen geblieben wären: Geländemerkmale, die sich durch leichte Erhebungen oder Vertiefungen abzeichnen. Aber nicht nur Archäologen nutzen diese neuen Technologien, sondern auch Wissenschaftler, die sich mit der historischen Landschaftsanalyse befassen.

Spannende Entdeckung

Auf diese Weise hat der Göttinger Forstwissenschaftler Dr. Andreas Mölder, der aus Hilter am Teutoburger Wald stammt, eine spannende Entdeckung für Lienen und Umgebung gemacht. Er fand Spuren, die zeigen, dass die Bauern in Höste, Westerbeck, Aldrup und Lienen derzeit nicht nur Waldbauern sind, sondern früher auch regelrechte „Bergbauern“ waren. Denn unter dem heutigen Baumbestand am Südhang des Teutoburger Waldes lassen sich mittels Laserscanaufnahmen aus der Luft Terrassenstrukturen erkennen. Diese Raine reichen bis zum Kamm des Höhenzuges hinauf. Für den Experten ist sofort klar: Es handelt sich um alte Ackerterrassen, wie sie in Westfalen, im Sauerland oder im Weserbergland zu finden sind. Für das Tecklenburger und Osnabrücker Land ist diese Entdeckung allerdings völlig neu. Daher stellt sich die Frage, wann diese Terrassenäcker in Lienen genutzt wurden, deren Spuren sich unter dem heutigen Wald erhalten haben.

Gemeinhin wird die Anlage solcher Stufenrainsysteme in Westfalen in die Zeit des Hoch- und Spätmittelalters zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert gesetzt. Im Zuge des sogenannten hochmittelalterlichen Siedlungsausbaus waren die Menschen bestrebt gewesen, so viel nutzbares Ackerland wie möglich zu gewinnen – auch in ungünstigen Lagen. Vor diesem Hintergrund dürften sich auch die Ackerterrassen an den Oberhängen des Teutoburger Waldes erklären lassen, die sich im Bereich von flachgründigen Kalksteinverwitterungsböden befinden. Spätestens Ende des 15. Jahrhunderts scheinen die Flächen aber bereits wieder aufgegeben worden zu sein. In einem Lienener Ländereien-Verzeichnis aus dem Jahr 1502 werden bereits Ackerland und Bergwald getrennt, weshalb anzunehmen ist, dass der Teutoburger Wald damals nicht mehr ackerbaulich genutzt wurde.

Ländereien-Verzeichnis

Der sogenannte Berg wird mehrfach als Ackergrenze angesprochen: „schuth an den berch“ (grenzt an den Berg an), ,,ltem eyne brede vor dem berghe dar seygt men 2 1/2 scheppell roggen in“. Ein weiterer Eintrag in diesem Register gibt bereits einen Hinweis auf die Bewaldung des Berges: „ltem eyn stucke boven den holtweghe und schuth an den berch dar seygt men eyn scheppell roggen in“. Hier ist also die Nennung eines Holzweges wichtiges Indiz für die Bewaldung.

Die Bewirtschaftung der nach Süden ausgerichteten Stufenraine endete möglicherweise mit dem Beginn einer Starkregen- und Sturmperiode im 14. Jahrhundert und der sich anschließenden „Kleinen Eiszeit“. Regen und Wind werden massive Erosionsschäden verursacht haben. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 1313 und 1348 in Deutschland 34 Milliarden Tonnen Erdboden abgetragen worden sind – davon allein im Jahr 1342 als Folge des Starkregens 13 Milliarden Tonnen. Auch für den Südhang des Teutoburger Waldes lassen sich derartige Prozesse nachweisen. So wird in den Jahrbüchern des Klosters Iburg berichtet, dass ein Fischteich am südöstlichen Fuß des Kahlen Berges beim Hof Wacker in Bad lburg-Ostenfelde durch heruntergespülte Sedimente nach 1374 verlandete, sodass er nur noch als Weidegrund genutzt werden konnte.

Ausführlich kann man diese Erkenntnisse in folgendem Beitrag nachlesen: Andreas Mölder und Christof Spannhoff, Eine vergessene Agrarlandschaft – Mittelalterliche Ackerfluren unter Wald im Osnabrücker Osning, in: Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2022, S. 268–277.

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