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Nachfahren Lienener Auswanderer schreiben Wörterbuch

„Platt sall bestaun bliieben“

Lienen/Westfalia

Von 1876 an sind zahlreiche Lienener nach Brasilien ausgewandert. Der Kontakt ist nie abgerissen. Jetzt hat Lucildo Ahlert den Entwurf eines Wörterbuches Brasilianisch-Plattdeutsch an Hanna Schmedt geschickt.

Von Michael Baar

Die Plattdüütsk Grupo Amigos do Sapato de Pau hat ein Wörterbuch Brasilianisch-Plattdeutsch-Deutsch-Englisch zusammengestellt. Foto: mba

Hanna Schmedt hütet einen Schatz. Dieser besteht nicht aus Gold und Geschmeide, sondern aus einer Vielzahl von Blättern. Es ist die Rohfassung eines Manuskripts für ein Brasilianisch-Plattdeutsch-Deutsch-Englisches Wörterbuch. Lucildo Ahlert hat der 102-Jährigen dieses literarische Kleinod zugeschickt. Die Lienenerin, versierte Kennerin des Plattdeutschen, soll einen prüfenden Blick auf die Ausarbeitung werfen. „Natürlich nur auf den plattdeutschen und deutschen Teil“, lacht sie.

Mit einer gehörigen Portion Humor ist auch der Verfasser gesegnet. „Wenn duu diie nich sicher bis of dat „mir“ orre „mich“ het, dann küre plattdüütsch, dann make‘se kein Fähler.“ Was nichts anderes heißt wie: Wenn du dir nicht sicher bist, ob es „mir“ oder „mich“ heißt, dann rede Plattdeutsch, dann machst du keinen Fehler. Der Satz ziert das Titelblatt des Entwurfs der „Plattdüütsk Grupo Amigos do Sapato de Pau“. 

Dass Lucildo Ahlert ausgerechnet Hanna Schmedt angeschrieben hat, ist alles andere als ein Zufall. Die Verbindung zwischen Lienen und dem brasilianischen Ort im Bundesstaat Rio Grande do Sul besteht seit Jahrzehnten. Von 1876 an wanderten Menschen aus Lienen unter anderem nach Brasilien aus. Zuvor waren seit etwa 1832 die Vereinigten Staaten in Nordamerika das Ziel derjenigen, die sich dort bessere Lebensverhältnisse erhofften, wie dem Buch „Lienen am Teutoburger Wald“, erschienen zum 1000-Jährigen der Gemarkung Lienen 1965.

Anni Ehmann, Freundin von Hanna Schmedt und eine geborene Ahlert, nimmt bereits 1935 einen Briefwechsel mit ihrem Verwandten Alindo Ahlert in Brasilien auf. Den Anstoß dazu hatte ihr Lehrer Rohlmann gegeben. Es entsteht ein reger Briefwechsel, der durch den Zweiten Weltkrieg jäh unterbrochen wird.

„Nach dem Krieg stand dann auch einmal ein Verwandter aus Westfalia bei Anni auf der Matte“, erinnert sich die Lienenerin. Der bat die Lengericherin, doch alle Verwandten in Brasilien mal zu besuchen. Anni Ehmann sagte nicht nein, bat aber ihre Freundin Hanna Schmedt, sie zu begleiten. Gemeinsam machen sich die Frauen auf den Weg nach Südamerika. „Das war schon sehr beeindruckend“, fasst Hanna Schmedt die Reise in wenigen Worten zusammen. Der so wieder aufgebaute Kontakt ist bis heute nicht abgerissen.

Dennoch ist sie erstaunt, als das Manuskript von Lucildo Ahlert auf ihrem Schreibtisch landet. Im Begleitbrief steht, dass „wir in Westfalia seit sechs Jahren viel gearbeitet haben mit der Sprache unserer Vorfahren“. Es ist eine Gruppe von 18 Personen, die sich mit der Kultur der Vorfahren, deren Sprache, Geschichte und Gebräuche, befasst. Herausgekommen ist dabei unter anderem, so schreibt Lucildo Ahlert, ein eigenes Schriftsystem, das sich an das deutsche Schriftsystem anlehne und von der Gruppe als „brasilianisch westfälische Sprache“ bezeichnet wird. „Ich hoffe, dass es Dich freuen wird zu sehen, dass in Brasilien dat plattküren bestaun bliieben sall“, endet der Brief, der dem Manuskript beiliegt.

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