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Zeuge sagt im Drogenprozess aus

Richter fühlt sich an „Pulp Fiction“ erinnert

Münster/Lienen

Der sechste Prozesstag vor der 22. Großen Strafkammer am Landgericht verlangte den Beteiligten einiges an Konzentration ab.

-aeb-

Das Landgericht in Münster. Foto: dpa

Auf dem Zeugenstuhl hatte ein 36-Jähriger Platz genommen, der selbst eine mehrjährige Haftstrafe verbüßt und die Aussage eines 32-jährigen Mannes widerlegen sollte, der unter anderem einen Angeklagten aus Lienen schwer belastet hatte – aus Rache, so der Vorwurf. In dem Prozess geht um den monatelangen bandenmäßigen Handel mit Drogen und Amphetaminen.

Ein Zeuge, der einen anderen Belastungszeugen der Lüge bezichtigt, laut eigener Aussage mittlerweile „Kriminalität verurteilt“, für diese Aussage aber seinen zwölfjährigen Arrestaufenthalt unterbrechen muss. Dazu der eigene Bruder, der über den Bruder eines der Angeklagten von einer Erpressung wusste sowie eine Freundin, die als Ex-Freundin einen Schlussstrich zieht: Der sechste Prozesstag vor der 22. Großen Strafkammer am Landgericht verlangte den Beteiligten einiges an Konzentration ab. In dem Prozess müssen sich drei vorbestrafte Männer aus Lienen (35), Münster (38) und Beckum (36) verantworten. Sie hatten ab Oktober 2021 sechs Monate lang mit Marihuana, Amphetamin und Kokain Geschäfte gemacht.

Auf dem Zeugenstuhl hatte auf Antrag der Verteidigung ein 36-Jähriger Platz genommen, der unter anderem wegen Drogenhandels eine mehrjährige Haftstrafe verbüßt. Er sollte die Aussage eines 32-jährigen Mannes widerlegen, der vor drei Wochen den Angeklagten aus Lienen schwer belastet hatte – aus Rache, so die Behauptung.

Der 36-jährige Zeuge, der nun vor dem Richter aussagte, ist in Recke aufgewachsen und ein Jugendfreund des 32-Jährigen, der die Angeklagten schwer belastet hatte. Im Anschluss an einen Gefängnisaufenthalt hatte der Belastungszeuge im Sommer 2021 Kontakt zum Kumpel aus Lienen aufgenommen. Kurz darauf seien sie gemeinsam ins Drogengeschäft eingestiegen – zunächst als Konsumenten, dann als Dealer. Der Belastungszeuge wurde zwischenzeitlich in einem gesonderten Verfahren zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.Vor Gericht hatte er seine Tätigkeit als die des Fahrers bezeichnet, der eigentliche Macher sei der Lienener gewesen, mit dem er gemeinsam – kurzfristig und erfolglos – ein Malergewerbe betrieben hatte.

Zeuge aus Recke packt aus

Jetzt packte der Recker aus. Er habe seinem Jugendkumpel, eben jenem 32-jährigen Belastungszeugen, die Freundschaft gekündigt. Schriftlich. Er selbst wolle ein Leben ohne Kriminalität führen, „seine Drogengeschäfte sind schlecht“. Jahrelang seien sie beide auf einer Wellenlänge gewesen, hätten engen Kontakt gehalten. „Mal war er drin, mal ich“, nannte er den Umstand, dass beide eine Latte an Arreststrafen verbüßt haben. Befreundet waren sie auch mit dem Mann aus Lienen.

In einem von zahlreichen Telefonaten habe der 32-Jährige ihm sein Herz ausgeschüttet. Er habe sich beschwert, der Lienener sei „ein Lappen, der nur faul rumliege und Drogen ziehe“ und dafür die Verantwortung trage, dass das gemeinsame Malergeschäft zugrunde gegangen sei. Bisweilen sendete der 32-Jährige Live-Videos in die Zelle der JVA Bochum und präsentierte seine Wocheneinnahme von 20 000 Euro. Tony Montana (Anm. d. Red.: Hauptfigur in „Scarface“) und KingBoo nannte er sich. Was den 32-Jährigen am meisten wurmte: dass der Lienener sich an seine Freundin herangemacht habe und ihr zudem verraten haben soll, dass ihr Partner fremdgegangen ist. Als Reaktion hatte die Freundin ihm den Laufpass gegeben. Danach, so referierte der Mann aus Recke den Inhalt der Telefonate, habe der 32-Jährige beschlossen, durch Falschaussagen den „Partner aus Lienen fertigzumachen“.

„Sie haben in der JVA telefoniert?“, fragte der Vorsitzende Richter. „Ja, ich hatte 14 Monate ein Smartphone“, gab der Zeuge zu. „Das ist illegal“, legte der Jurist nach. „Nein. Es verstößt nur gegen die Hausordnung der JVA“, belehrte der Mann. Auch nach Beschlagnahmung der Sprechzelle funktionierte das Netzwerk. Die Ex-Freundin informierte den Recker in der JVA über den Lebensweg des Jugendfreundes, der geradewegs ins Gefängnis führte. Sein eigener Bruder wusste, dass vom Bruder des Lieneners 50 000 Euro erpresst werden sollten, und steckte das ebenfalls in die Arrestzelle durch. Wenn der nicht zahlen sollte, würden Falschaussagen über Drogengeschäfte lanciert, lautete die Drohung. Daraufhin, berichtete der Zeuge aus Recke, habe er sich von dem Jugendfreund distanziert und aus der Haft heraus schriftlich die Freundschaft gekündigt, „weil ich später einen geraden Weg im Musikbusiness einschlagen möchte“. In einer Antwort drohte der Ex-Freund damit, freiwillig aus dem Leben scheiden zu wollen. „Das ist ja wie aus Pulp Fiction“, resümierte der Richter und zog sich für diesen Verhandlungstag zurück, um die Aussage zu ordnen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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