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Weinlese auf dem Urberg mit 70 Helferinnen und Helfern

Steillage erfüllt Lebensträume

Bad Iburg/Lienen

Die Resonanz auf die Weinlese auf dem Urberg war zur Freude der Veranstalter groß.

Von Michael Schwakenberg

Nach einer kurzen Einweisung ging‘s los: Jan Brinkmann mit zwei jungen Helferinnen, die sich gestern Morgen wie viele weitere Freiwillige auf dem Urberg einfanden. Foto: Michael Schwakenberg

Sonntagmorgen, 7 Uhr: Eine Heerschar von Helfern findet sich direkt an der Gemeindegrenze von Lienen und Bad Iburg auf dem Urberg ein. Ein Bild, das in dieser Region absoluten Seltenheitswert genießt: Ausgerüstet mit Scheren und Kisten schwärmen die Frauen und Männer nach einer Begrüßung samt Einweisung aus, um zu ernten. Familie Brinkmann hat zur Weinlese eingeladen.

Der Nebel hängt noch in den Rebstöcken, die sich in Reih und Glied nach unten ziehen. Wüsste man es nicht besser, könnte man sich an Mosel, Rhein oder Nahe wähnen. Außer, dass unten kein Wasser fließt – das bei dem Nebel aber eh nicht auszumachen wäre. „Gut, dass wir heute keine pralle Sonne haben, sonst wäre das hier Quälerei“, sagt Juniorchef Jan Brinkmann bei einer kurzen Kaffeepause – und berichtet von den Anfängen: „2018 haben wir die ersten Weinstöcke gesetzt, ein Jahr später hatten wir schon die erste kleine Ernte“, erinnert sich der 26-jährige staatlich geprüfte Landwirt.

Weinlese im Teutoburger Wald. Das ist auch ein Bild mit Symbolcharakter in Zeiten, in denen viele Landwirte vor einer ungewissen Zukunft stehen oder die Aufgabe ihre Betriebes bereits beschlossen haben. Der Hof Brinkmann mit über 750-jähriger Familientradition hat sich wie viele Betriebe immer wieder den Anforderungen der jeweiligen Zeit angepasst. Aus dem einstigen Mischbetrieb wurde ein reiner Sauen- und Ackerbaubetrieb, bis die letzten Schweine in diesem Frühjahr vom Hof gingen.

Wer wo kommerziell Wein anbauen darf, ist in Deutschland streng geregelt. Die Idee dazu hatte Seniorchef Gerhard Brinkmann (61) 2016, als er zufällig aus dem Radio erfuhr, dass es nach einer Gesetzesänderung auch in Niedersachsen möglich ist, Anträge auf Neuanpflanzungen von Reben für den kommerziellen Weinbau zu beantragen. Er ist nach wie vor überzeugt davon, alles richtig gemacht zu haben: „Der Boden hier ist nahezu ideal. Löss und Lehm mit Sandstein, 60 bis 70 Bodenpunkte, besser geht‘s nicht.“ In der Tat: Die Trauben sind knackig, zuckersüß und saftig.

Während die Lese voll im Gange ist, richtet Renate Brinkmann mit einigen Helfern das Frühstück an: Wurst-, Käse- und Schmalzbrote, Blätterteigschnecken und Mettenden kommen auf die Tische. Kaffee gibt‘s aus Drei-Liter-Kannen. Bei so einem Ausblick macht die Arbeit noch mehr Spaß.

Eine der Helferinnen ist Dorothea Plaßmeyer aus Osnabrück. Für die 70-jährige geht ein „kleiner Lebenstraum“ in Erfüllung. „Ich wollte mich schon in Cochem bewerben, bis ich von einer Bekannten erfuhr, dass das auch hier bei uns geht.“ Bilanzbuchhalterin Walentina Fettich (36) aus Rheine hat im Urlaub durch einen Fernsehbeitrag von der bevorstehenden Weinlese in Bad Iburg erfahren – und dass die Brinkmanns Helfer suchen. „Kurz darauf hab ich eine E-Mail losgeschickt.“

Oben am Hang genießen die beiden Frauen den Blick ins Holperdorper Tal, die familiäre Atmosphäre und natürlich das Frühstück. „Einfach nur geschmierte Brote, aber alles zusammen besser als jeder Vier-Sterne-Urlaub“, freut sich Jan Brinkmann, dass es den Leuten gefällt. Das ist wichtig: Denn genau das ist der Lohn, deswegen melden sich so viele Freiwillige. Gegen Mittag, nach getaner Arbeit, gibt es zum Ausklang noch mal etwas auf die Gabel und dazu Federweißen aus eigener Herstellung.

Wenn die Helfer abreisen, geht es für die Trauben mittels Sattelzug auf große Fahrt nach Rheinhessen zu einem Weingut, mit dem die Brinkmanns gut befreundet sind. Normalerweise fährt der Juniorchef mit. In diesem Jahr bleibt der frisch gebackene Vater ausnahmsweise zu Hause bei Frau und Kind.

Auf zwei Flächen in Bad Iburg bauen die Brinkmanns Wein an – anderthalb Hektar auf dem Urberg, einen Hektar auf dem Dörenberg. Dabei soll es nicht bleiben. Ihre Wahl fiel auf die Rebsorten Solaris, Helios, Souvignier gris und Regent. Neuere Züchtungen, die relativ resistent gegen Pilzbefall sind.

Als „Versicherung gegen Spätfrost“ bezeichnet Jan Brinkmann die Steillage mit Süd-Ausrichtung. „Dadurch kann die kalte Luft bodennah nach unten abfließen und steigt nicht auf.“ Das habe ihn schon zweimal gerettet. „Die jungen Triebe können sonst schnell kaputtfrieren.“

Irgendwann, so der Plan des 26-Jährigen, will er die Trauben komplett bei sich zu Hause auf dem Hof verarbeiten und Wein herstellen. Wohlwissend, dass der Weg zum Winzer kein Spaziergang ist.

„Als mein Vater damals die Idee hatte, bin ich bei Null angefangen. Da hab ich mir erstmal die passende Folge von der Sendung mit der Maus angeguckt.“ Geschadet hat das offenbar nicht: „In diesem Jahr haben wir annähernd Auslese-Qualität.“ Dass das auch den überdurchschnittlich vielen Sonnenstunden und somit dem Klimawandel geschuldet ist, da macht er sich nichts vor. „Den werde ich nicht verhindern können, aber ich kann zumindest auf ihn reagieren.“

Zu haben sind die Bad Iburger Weine übrigens in der hofeigenen Vinothek und auf Märkten. So waren die Brinkmanns im August beim ersten Kattenvenner Feierabendmarkt vertreten und werden auch bei der zweiten Auflage am Mittwoch, 21. September, wieder vor Ort sein.

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