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Einst ein Tabuthema: Buch über Heuerlingswesen geht in die achte Auflage

Tiefe Gräben bestehen bis heute

Tecklenburger Land

Kaum ein Buch zur Regionalgeschichte ist in den vergangenen Jahren so nachgefragt worden wie das Werk „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen“ von Helmut Lensing und Bernd Robben. Inzwischen geht die achte Auflage an den Start, teilen die Herausgeber mit.

Michael Schwakenberg

Heuerlinge bildeten früher die Unterschicht auf dem Land und waren den Bauern zu Diensten verpflichtet. Heute würde man sagen, das Abhängigkeitssystem barg sozialen Sprengstoff. Foto: Lensing

Das im Herbst 2014 erstmals veröffentlichte Buch befasst sich mit den verschiedenen Facetten des Lebens der Heuerleute und der vielfach aus ihren Reihen stammenden Knechte, Mägde und Siedler im nordwestdeutschen Raum. Heuerleute, Heuerlinge, Kötter, Häuslinge, Häusler, Inwürner, Würner, Lieftüchter oder Arröder – so vielfältig wie die Bezeichnungen für diese ländliche Unterschicht war auch die regionale Ausgestaltung des Heuerlingswesens.

Nahezu 400 Jahre war das Heuerlingssystem in Nordwestdeutschland ein wesentlicher Bestandteil des Lebens auf dem Land. Da gilt auch fürs Tecklenburger Land. So finden sich nicht nur in Lienen und Ladbergen noch zahlreiche der alten Heuerlingshäuser, von denen inzwischen viele zu schmucken Wohnhäusern um- beziehungsweise ausgebaut wurden. Je nach Region besitzen bis zu 80 Prozent der alteingesessenen heutigen Bevölkerung Heuerleute als Vorfahren, schätzen die Autoren.

Während über das Leben der proletarischen Arbeiter zahlreiche Untersuchungen und Abhandlungen existieren, war das wissenschaftliche Interesse am Alltag der ländlichen besitzlosen Schicht lange Zeit dennoch ausgesprochen gering. Von Bernd Robben angebotene Vorträge über das Thema stießen seinerzeit durchweg auf Ablehnung bei den Verantwortlichen der ländlichen Heimatvereine.

Wegen der sehr kontroversen Beurteilung des Heuerlingswesens mit dem damit verbundenen Abhängigkeitsverhältnis der Heuerleute von den Bauern war dies ein Tabuthema auf dem Land, das alte Wunden aufzureißen und selbst Jahrzehnte nach dem Verschwinden des Heuerlingssystems noch für Streit zwischen Nachfahren der Heuerleute und ländlichen Dienstboten und der Bauern zu sorgen vermochte. Die Erfahrungen und Überlieferungen beider Gruppen zum Heuerlingssystem unterschieden sich komplett. Völlig überraschend avancierte daher ihr Buch mit dem Titel „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen!“ zu einem regionalen Bestseller. Es traf einen Nerv der ländlichen Bevölkerung und führte zu zahlreichen Anfragen nach Vorträgen, heißt es in der Pressemitteilung zur Ankündigung der achten Auflage weiter.

So hielt vor allem der Pensionär Robben inzwischen weit über 100 Vorträge im gesamten Verbreitungsgebiet des Heuerlingswesens und erlebte in den Diskussionen die immer noch teilweise tief sitzende Verbitterung ehemaliger Heuerleute. Nach einiger Zeit ging er dazu über, die Aussagen von Zeitzeugen – wenn sie damit einverstanden waren – mit der Kamera festzuhalten, um sie für die Nachwelt zu sichern. Darüber ist auch auf seiner Internetplattform (www.heuerleute.de) nachzulesen.

Mitte November vergangenen Jahres erschien die von Helmut Lensing leicht überarbeitete siebte Auflage. Doch auch sie war bereits nach gut drei Wochen vergriffen. Viele Buchanfragen konnten nicht mehr bedient werden. Ein Teil der umgehend in Auftrag gegebenen wortgleichen achten Auflage wurde inzwischen ausgeliefert. Damit erreicht das Werk inzwischen eine Auflage von nahezu 15 000 Exemplaren und ist eine der meist verkauften regionalgeschichtlichen Veröffentlichungen im Nordwesten seit Jahrzehnten geworden.

Zum Thema

Das Buch ist über den Buchhandel (ISBN 978-3-9818393-1-9) zum Preis von 24,90 Euro erhältlich.

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