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Hanna Schmedt nimmt Viertklässler mit auf einer Zeitreise

Tragisches Ende einer Schulstunde

Lienen

Heimatkunde, das war bis in die 60er Jahre noch fester Bestandteil des Lehrplans an den damaligen Volksschulen. Doch dann erschien der Begriff ideologisch vorbelastet und wurde durch Sachkunde ersetzt. Im heutigen Sachunterricht spielt Heimat aber nur noch eine untergeordnete Rolle. Wer weiß denn noch, wie es früher einmal war, welche Sitten und Gebräuche es gab, welche Schicksale sich hinter Geschichten und Geschichte verbergen?

Michael Schwakenberg

Gebannt lauschten die Kinder, was Hanna Schmedt ihnen aus früheren Zeiten zu erzählen hatte, und schauten sich auch alte Fotos und Zeitungsartikel an. Foto: Michael Schwakenberg

Ein wandelndes Lexikon in Sachen Lienener Orts- und Heimatgeschichte ist Hanna Schmedt, die jetzt zu Besuch bei den Viertklässlern der Waldorfschule war, die ihre Räume in der auslaufenden Hauptschule hat. Sie nahm die Schüler mit auf eine Zeitreise, an deren Ende ein bis heute ungelöster Kriminalfall stand.

Dreh- und Angelpunkt war das heutige Schulgelände an Lührmanns Weg, der seinen Namen nicht von ungefähr hat, denn hier stand einst der gleichnamige Hof mit stattlicher Villa. „Früher sah es in Lienen ganz anders aus. Der Teich war viel größer als heute und hatte Schilf am Ufer. Im Dorf gab es noch viel mehr alte Fachwerkhäuser der Handwerker und in den Bauerschaften neben den Höfen auch viele Heuerhäuser. Die Siedlungen und die katholische Kirche kamen erst später“, berichtete die pensionierte Lehrerin. Über das heutige Schulgelände sei vom Dorf aus ein Bach geflossen, statt befestigter Straßen habe es Sandwege gegeben. Je mehr Hanna Schemdt erzählte und alte Fotos herumreichte, desto mehr tauchten die Kinder in die frühere Zeit ein, die aber doch nicht immer so idyllisch war, wie es heute manchmal scheint. „Fernseher und Handys hatten wir nicht. Wir haben auf der Straße gespielt und hatten nur das Gespräch als Unterhaltung. Und an dem Bach gab es übrigens auch Ratten“, schilderte Schmedt und rückte das Bild von der guten alten Zeit etwas abrupt, aber ganz anschaulich wieder etwas zurecht. „Ratten?“ - „Wirklich?“ – „Iehhhh!“, entfuhr es ihren Zuhörern.

So richtig spannend wurde die Stunde Heimatkunde, als Hanna Schmedt die Geschichte vom Ende des alten Hofes Lührmann auspackte. „Als die Bauerschaftschulen aufgelöst wurden und die Volksschule in die Grundschule und die weiterführenden Schulen aufgeteilt wurde, brauchte die Gemeinde ein Grundstück für eine Hauptschule, die sie bauen wollte.“ Schmedt hatte sogar nicht verwirklichte Neubaupläne von einem für Lienen leicht überdimensionierten Schulkomplex dabei, die aber nie umgesetzt wurde. Und sie zeigte Bilder vom Richtfest und der Einweihungsfeier, bei denen sie damals selbst zugegen war.

Auf den Hof Lührmann sei man gekommen da er nicht nur nah am Ortskern lag, sondern da er auch nicht mehr bewirtschaftet wurde und nur noch die letzte Lührmann-Nachfahrin, die Witwe Emma Jörden, auf dem Anwesen wohnte. Je näher Hanna Schmedt dem traurigen Ende der damals 84-jährigen Frau kam, desto stiller und zugleich aufmerksamer wurden die Kinder. Liegt doch bis heute im Dunkeln, was sich 1970 eines Tages ziemlich genau dort abgespielt hat, wo die Mädchen und Jungen heute die Schulbank drücken. Hanna Schmedt: „Eines Nachmittags stand die Polizei bei uns vor Tür und wollte wissen, ob wir fremde Leute gesehen haben.“

Alles Weitere habe auch sie damals erst aus der Zeitung erfahren. Den ganzseitigen Bericht aus dem Tecklenburger Landboten hatte die Seniorin natürlich mitgebracht und zeigte ihn in die Runde. Ihm war zu entnehmen dass sich die Witwe im Zuge des Verkaufs 100 000 Mark hatte auszahlen lassen und den Rest im monatlichen Raten bekommen wollte. „Vielleicht wusste das jemand und war scharf auf das viele Geld. . .“, mutmaßte Hanna Schmedt im Kreise der Schüler. Jedenfalls sei die Witwe damals tot auf ihrem Sofa gefunden worden mit einer Schüssel voller Benzin davor, was auch aus dem Bericht hervorgeht. Ebenso habe es im Haus Spuren und Hinweise gegeben, dass sich dort Fremde aufgehalten müssen.

Da sich die Kinder im Unterricht gerade mit Kriminalgeschichten befassen, in denen sie selbst als Detektive die Aufklärung der Fälle übernehmen müssen, schwirrten spontan erste Vermutungen durch den Klassenraum. Dass sie nach über 40 Jahren aber noch etwas zur Lösung beitragen können, ist eher unwahrscheinlich. Eines ist aber sicher: Die Kinder sind auf den Geschmack gekommen und freuen sich schon auf die nächste Stunde Heimatkunde mit Hanna Schmedt.

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