1. www.wn.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Lienen
  6. >
  7. Urnen statt Familiengräber

  8. >

Beerdigungskultur im Wandel der Zeit

Urnen statt Familiengräber

Lienen

Urnen, Friedwälder, Seebestattungen? In den späten 1970er-Jahren war das kaum ein Thema, wenn Angehörige ihre Verstorbenen bestatteten. Gewünscht wurde damals ein traditionelles Familiengrab, wie sich Reinhard Schmitte erinnert, der seit über 40 Jahren auf dem Lienener Friedhof tätig ist. Heute wolle nur jeder Zehnte noch ein Familiengrab. Das liege unter anderem an den Lebensverhältnissen der Menschen.

Von Luca Pals

Friedhofsachbearbeiter Reinhard Schmitte Foto: Luca Pals

Damals – wir schreiben das Jahr 1978 – waren die Wünsche der Angehörigen noch ziemlich klar und deutlich: Ein traditionelles Familiengrab sollte es sein. Von Urnen, Friedwäldern oder gar Seebestattungen war damals kaum bis gar nicht die Rede, erinnert sich Reinhard Schmitte. Er trat Ende der 70er-Jahre seinen Dienst auf dem Lienener Friedhof an und ist bis heute geblieben. Ansonsten hat sich viel verändert im Vergleich zur Zeit vor 43 Jahren.

Nur jeder Zehnte wolle noch ein Familiengrab: „Das liegt oft auch an den anderen Lebensverhältnissen durch zum Beispiel viele Scheidungen, zu denen es früher nicht so oft gekommen ist.“ Diejenigen, die sich für diese Art entschieden haben, geben den Wunsch meist in der Bestattungsvorsorge an. An die Stelle der einstigen traditionellen Form tritt vor allem die Feuerbestattung, fast 70 Prozent der Beerdigungen würden heute auf diese Weise stattfinden, berichtet der 62-Jährige.

Erst seit drei Jahren, dafür aber mit großer Leidenschaft auf dem Friedhof dabei ist die Lienenerin Anne Wallenhorst. Die 43-Jährige berät die Angehörigen bei der Gestaltung der Gräber, plant den Aufbau der Flächen und kümmert sich – bei Bedarf – um die langfristige Pflege: „Ich habe natürlich viele eigene Ideen, die ich vorbringen kann, meist werden aber locker bepflanzte Gräber, die zugleich pflegeleicht sein sollen, gewünscht.“ Für sie ist eine entspannte Form wichtig, das Motto: Besser weniger und dafür auffällig, als zu viel auf dem Grab.

Ein Ort für Abschied und Erinnerung

Stichwort: pflegeleicht. Die große Zahl der Urnenbestattungen ist mit dem gleichen Tenor zu begründen: „Viele sagen uns in der Vorsorge, dass die eigenen Kinder und Hinterbliebenen nicht zu viel Arbeit haben sollen.“ Gleichzeitig sei es so, dass viele Angehörige, die nicht vor Ort leben, gerne ein Grab haben, auf dem Blumen, Sträuße und größere Kränze abgelegt werden können: „Auch wenn sich die Art und Weise der Bestattungen vielleicht verändert, ist und bleibt es das Wichtigste, immer einen Ort zu haben, an dem man Abschied nehmen und sich an den Verstorbenen erinnern kann.“

Kreisweit das einzige Kolumbarium

Aufgrund der veränderten Ansprüche wurde auf dem Friedhof bereits vor acht Jahren eine Fläche an der Grenze zur Waldorfschule errichtet. Auf dieser befinden sich unter anderem Gräber in einem modern aufgelockertem Urnenfeld mit Springbrunnen und ein Kolumbarium. Letzteres ist auf kirchlichen Friedhöfen kreisweit das einzige. Zur weiteren Auflockerung wurden gegenüber zwei Linden im Auftrag der Landeskirche gepflanzt. Als „Bäume der Hoffnung“ stehen diese zum Gedenken an die Corona-Verstorbenen. Darüber, dass die Zeit als nur ein kleiner Kreis von Angehörigen bei Beerdigungen dabei sein durfte, vorbei ist, ist Schmitte besonders froh. Aktuell läuft alles über die 3G-Regelung: „Aber man weiß natürlich nicht, wie lange das so bleibt.“ In den vergangenen beiden Jahren habe man sich auf so viele unterschiedliche Vorgaben einstellen müssen wie in den vergangenen 40 Jahren zusammen nicht.

Mehr als 4500 Gräber sind auf dem Friedhof, mit fast allen kann Schmitte etwas verbinden. Den Job mache er noch genauso gerne wie in den ersten Jahren. Dr. Wilhelm Wilkens, damaliger Pfarrer in Lienen, habe ihn auf die Stelle angesprochen.

Startseite
ANZEIGE