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Raubüberfall: Freispruch für vermeintlichen Auftraggeber

Verhinderter Lockvogel sorgt für Verwirrung

Lienen

Ein Fall von schwerem Raub beschäftigte jetzt das Schöffengericht des Amtsgerichts Ibbenbüren. Angeklagt war ein 29-jähriger Mann aus Lienen. Ihm warf die Staatsanwaltschaft vor, zwei – bis heute unbekannte – Männer zu einem Raubüberfall auf eine Wohnung in Lienen angestiftet zu haben. Doch dann verstrickte sich der Hauptbelastungszeuge während der Befragung immer wieder in Widersprüche.

-gpg-

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Ein Fall von schwerem Raub beschäftigte jetzt das Schöffengericht des Amtsgerichts Ibbenbüren. Angeklagt war ein 29-jähriger Mann aus Lienen. Ihm warf die Staatsanwaltschaft vor, zwei – bis heute unbekannte – Männer zu einem Raubüberfall auf eine Wohnung in Lienen angestiftet zu haben. Ein Raubdelikt wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

Die eigentliche Tat könnte dem Drehbuch eines Krimis entstammen: Nichtsahnend saß das spätere Opfer an einem Abend im Juni 2020 zusammen mit seiner Freundin vor dem Fernseher, als es an der Tür klingelte. „Wir wollten uns nur einen schönen Abend machen“, so der Mann vor Gericht. Als er die Wohnungstür öffnete, sei er sofort von einem Angreifer zu Boden geworfen worden. Mit den Worten: „Polizei – wo ist das Geld?“, stürmte ein zweiter Mann mit Sturmhaube maskiert und einer Pistole in der Hand in die Wohnung. Abgesehen hatten es die Räuber allerdings auf das Zimmer des zweiten Wohnungsmieters, das sie bei der Suche – angeblich nach Geld – komplett auf den Kopf stellten. Dabei übersahen die Räuber trotz intensiver Suche 250 Euro in einer Nachttischschublade. Nach etwa zehn Minuten, so der Geschädigte, war der Spuk vorbei, die Angreifer zogen ohne Beute ab.

Nach der polizeilichen Vernehmung des Mannes, der das eigentliche Opfer des Überfalls sein sollte, war der Verdacht aufgekommen, dass die ganze Aktion auf Initiative des Angeklagten zurückging. Zudem hatte ein Zeuge gegenüber der Polizei ausgesagt, dass der Angeklagte ihn gebeten habe, als Lockvogel zu fungieren, um den beiden Tätern Zugang zu der Wohnung zu verschaffen. Dies habe er jedoch abgelehnt und stattdessen das eigentliche Opfer gewarnt: „Da ist etwas im Busch, sei wachsam.“

Der Angeklagte bestritt vor Gericht alle Vorwürfe und beteuerte seine Unschuld. Er gab zu, mit dem zweiten Mieter lange befreundet gewesen zu sein. Diese Freundschaft sei allerdings zerbrochen, als er sich aus dem Drogenmilieu gelöst habe. Den detaillierten Aussagen des Hauptbelastungszeugen, wann und wo es zur „Lockvogel“-Absprache gekommen sein soll, stellte er entgegen, dass er gerade zu dieser Zeit einen Drogenentzug gemacht habe und gar nicht in der Lage gewesen sei, sein Krankenlager zu verlassen, geschweige denn irgendwelche Pläne zu schmieden.

Damit kam der Zeugenaussage des verhinderten Lockvogels entscheidende Bedeutung zu. Dieser verwickelte sich im Verlauf der Verhandlung allerdings in so viele Widersprüche, dass der Richter die Befragung abbrach. So lieferte der Zeuge bis zu drei Versionen der Ereignisse, die in vielen Punkten nicht übereinstimmten. Es war in der Beweisaufnahme nicht zu klären, ob der Angeklagte oder die beiden Räuber den Zeugen als Lockvogel anwerben wollten. Auch zu was und zu welcher Straftat angestiftet werden sollte, blieb unklar – tatsächlich zu einem Raub oder „nur“ zu einer Körperverletzung?

Am Ende blieben zu viele Zweifel – und eine sichtlich frustrierte Staatsanwältin plädierte auf Freispruch für den Angeklagten. Das Gericht entsprach nach kurzer Beratung diesem Antrag. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.

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