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Zeit heilt nicht alle Wunden

Wenn ein Kind stirbt . . .

Menschen sterben. Sie leiden. Über Wochen. Über Monate. Manche viele Jahre. Andere werden plötzlich aus dem Leben gerissen. Der Tod im hohen Alter schmerzt diejenigen, die zurückbleiben; doch sie können – zumeist – nach einer Phase der Trauer gut weiterleben. Was aber passiert, wenn ein Kind stirbt? Der Lienener Pastoralreferent Norbert Brockmann hilft Eltern, die ein Kind verloren haben. WN-Redakteurin Bettina Laerbusch hat mit ihm gesprochen.

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Mütter und Väter, die ein Kind verloren haben, gehen Anfangs täglich zum Grab. Foto: dpa/privat

Sie begleiten in diesen Tagen seit 25 Jahren trauernde Eltern – was denken und fühlen Sie angesichts dieses – ja, was ist es? Ein Jubiläum ja irgendwie nicht . . .

Norbert Brockmann: . . . es bewegt mich. Die Begleitung der Eltern über so viele Jahre hat mich viel Kraft gekostet – und mich auch verändert.

Sie leiten in Lengerich vier Trauergruppen...

Brockmann: ...ja, die Gruppen haben zwischen zehn und 14 Teilnehmern, vor allem Paare. Sie kommen aus einem Umkreis von 30 Kilometern. In einer Gruppe treffen sich Eltern von verstorbenen Kindern aller Altersgruppen. In einer weiteren Gruppe treffen sich Eltern, deren Kinder bei einem Unfall ums Leben gekommen sind. Weitere Gruppen bilden Eltern, die ein Kind durch einen Suizid verloren haben.

Was in diesen Müttern und Vätern vorgeht, kann jemand, der ihr Schicksal nicht teilen muss, sicherlich nur erahnen. Sie haben den Tod eines Kindes nicht erleiden müssen, verfügen aber durch Ihre Arbeit über einen großen Erfahrungsschatz. Was empfinden diese Mütter und Väter?

Brockmann: Eltern, die ein Kind verloren haben, sind in ihrem ganzen Dasein erschüttert. Sie haben teilweise den Wunsch nachzusterben – vor allem Mütter. Das hat damit zu tun, dass fast alle hoffen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und sie ihr Kind so früher wiedersehen.

Ist das auch bei Eltern so, die vorher nicht geglaubt haben?

Brockmann: Die Sehnsucht ist die Schwester der Trauer. Der Glaube war für viele da – für manche als Gewissheit, für andere als eine Sache, zu der sie gesagt haben, „mag sein, dass da was ist, kann aber auch nicht sein“. Nach dem Tod eines Kindes muss man sich als Mensch ganz neu finden. Dazu gehört in der Regel auch, einen festen Standpunkt zu entwickeln: Glaube ich an ein Leben nach dem Tod oder nicht? Der Tod ihres Kindes nötigt die Eltern dazu, hier eine feste Position zu finden. Das, was vorher angelegt war, muss in einen sicheren Standpunkt umgewandelt werden. Wer denkt schon mit 35 und zwei kleinen Kindern über Tod und Auferstehung nach? Nach dem Tod eines Kindes ist das alte Leben weg. Das alte Glück ist weg (Norbert Brockmann denkt eine Weile nach). Ich sage Ihnen mal ein Beispiel: Fast alle Paare, die ein Kind verlieren, kommen zeitweise in eine Krise. Mich hat mal jemand gefragt, ob es stimmt, dass sich 90 Prozent trennen. Das stimmt nicht, aber es stimmt, dass bis zu 90 Prozent in eine Krise kommen. Die Grundlagen werden alle in Frage gestellt. Die Verwundbarkeit ist groß.

Was meinen Sie mit „Grundlagen“?

Brockmann: Da ist ein Netz gewesen – ich weiß jetzt gar nicht, was ich da aufzählen sollte (macht wieder eine lange Gedankenpause). Wenn Sie Eltern einer intakte Familie fragen, was der Sinn des Lebens ist, dann zeigen sie auf ihre Kinder und sagen: „Das ist der Sinn unseres Lebens.“. Wenn ein Kind dann nicht mehr da ist, bricht der Lebensinhalt weg. Menschen, die ein Kind verloren haben, sagen zunächst, dass sie sicher sind, nie mehr glücklich zu werden in ihrem Leben.

Aber das stimmt nicht?

Brockmann: Nein, das stimmt so nicht. Die Trauer verläuft in Wellenbewegungen. Die Ausschläge sind mit der Zeit nicht mehr so tief. Viele sind zunächst aber arbeitsunfähig (macht wieder eine Pause, bevor er weiterredet). Trauer ist keine Krankheit, aber sie kann krank machen. Man kann nicht mehr richtig essen, hat Schlafstörungen, Herzrasen, Panikattacken. Die Beziehungen zu Freunden ändern sich. Die, die man für Freunde gehalten hat, sind auf einmal weg. Die, die man gar nicht zu seinen engen Freuden gezählt hat, sind da. Es ist richtig, was Sie eben gesagt haben: Wer das Schicksal von verwaisten Eltern nicht teilt, kann nur erahnen, was in ihnen vorgeht.

Das Unverständnis von ehemals engen Freunden, was ja irgendwie auch zu verstehen ist, belastet das die trauerden Eltern noch zusätzlich?

Brockmann: Verändernde Beziehungen ziehen sich gedanklich wie ein roter Faden durch die Trauergruppen. Wie komme ich zurecht mit Freunden, die – Gott sei Dank – kein Kind verloren haben? Nach einer zugestandenen Zeit der Trauer wird von Freunden erwartet, dass die verwaisten Eltern wieder die alten sind, man wie früher mit ihnen zusammen in den Urlaub fahren kann. Angehörige und Freude verlieren die Geduld. Das ist verletzend und belastet. Die, die ein Kind verloren haben, werden nie mehr die alten sein. Anderseits gelingt ihnen das Leben eines Tages wieder. Aber selbst nach 20 Jahren, wenn plötzlich ein Lied im Radio läuft, das das Kind gerne mochte, das vielleicht sein Lieblingslied war, können die Eltern wieder im Keller sein.

Wie helfen den Eltern die Treffen in den Trauergruppen?

Brockmann: Das Prinzip aller Gruppen ist, Eltern zusammenzuführen und zum Austausch zu bringen, wie andere den Verlust bewältigen. Wie haben andere das erste Weihnachtsfest gefeiert, den ersten Geburtstag danach, den ersten Todestag? Zu Beginn gehen Eltern einmal am Tag zum Grab, manchmal sogar zweimal – sie fragen in der Gruppe, ob das immer so weitergeht oder ob das irgendwann aufhört. Die Eltern geben sich gegenseitig Perspektiven für ein Weiterleben.

Es gibt den Satz, Zeit heilt alle Wunden...

Brockmann: Das ist eine glatte Lüge. Es gibt Verletzungen der Seele, da reicht die Lebenszeit nicht aus, um die Wunden endgültig zu heilen. Der Verlust eines Kindes kann dazugehören.

Haben es Eltern, die glauben, leichter als Eltern, die das nicht tun?

Brockmann: Meine Erfahrung ist, dass es Eltern, die glauben, leichter haben. Ihre Sehnsucht hat ein Ziel: das Wiedersehen. Wir haben für die Trauergruppen aber keine Zugangsvoraussetzungen; ich frage nicht, ob jemand glaubt oder nicht. Das tun die Eltern auch nicht. Der Respekt der Eltern voreinander ist sehr hoch. Das Hören ist wichtig – nicht, ob einer glaubt oder nicht.

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