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Vortrag

Von Heuerleuten und Tödden

Lotte

Der Männerkreis erfuhr bei einem Vortrag jede Menge über Heuerleute. Sie waren, so erzählte der Referent, „Menschen zweiter Klasse“.

Thomas Niemeyer

Für einen Vortrag, der „die gute alte Zeit“ entzauberte, bedankte sich Pastor Detlef Salomo bei dem Referenten Bernd Robben (von links). Foto: Thomas Niemeyer

Ach ja, die gute Zeit. Das häufig nicht viel Gutes an ihr zu finden ist, wenn man sie genauer betrachtet, zeigte Bernd Robben, der im Männerkreis der evangelischen Kirche in Lotte über „400 Jahre Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland“ referierte.

Der pensionierte Grundschullehrer aus Emsbüren stammt selbst vom Bauernhof und hat sich der Geschichte der Heuerleute als „Menschen zweiter Klasse“ auf dem Lande angenommen. Zusammen mit dem Historiker Helmut Lensing hat er das Buch „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen“ verfasst, das just seine fünfte Auflage erlebt.

Mit der Bevölkerungsexplosion nach dem Dreißigjährigen Krieg entstand das Phänomen: „Der älteste Sohn erbte den Hof, die übrigen Kinder mussten sehen, wo sie blieben“, erklärt er es. Auf dem Lande wurden sie zu stärksten Bevölkerungsgruppe; dennoch gebe es kaum Literatur über sie, während Bücher über den seltenen Adel Regale füllten.

Der Heuermann Rudolf Dunkmann aus Leeden hinterließ mit seinen Berichten in dem Band „Aus dem Leben eines Heuerlings und Arbeiters“ eine der wenigen Quellen zu dem Thema, das mit dem Begriff „Heuer“ (von Heu machen) nur in der Region zwischen Ostfriesland und Ruhrgebiet, zwischen der Grenze zu den Niederlanden und der zum Königreich Hannover auftrat.

Die Alternativen für die entwurzelten Menschen waren gering: Auswanderung, Moorbesiedlung, Gnadenverbleib auf dem Hof, Kloster, später die Arbeit in der Industrie. Die Städte waren ihnen weitestgehend versperrt.

Als Heuerlinge, die überwiegend in elenden Heuerhäusern untergebracht wurden, waren sie komplett abhängig von den Bauern. Ihnen mussten sie an mehreren Werktagen kostenlos zur Hand gehen, waren häufig selbst bei der Eheschließung auf ihre Zustimmung angewiesen. Jenen gehörte das Heuerhaus und das Land.

Im 18. Jahrhundert tat sich mit dem Flachsanbau und der Leinenproduktion eine gute Alternative auf: „Hollandgang lohnt sich.“ Als Händler, sogenannte Tödden, bauten sich einige beachtliche Existenzen auf: Die C&A-Brennikmeyers in Mettingen, Peek & Cloppenburg sowie Vroon & Dreesmann sind bekannte Beispiele. Doch die Baumwolle aus Amerika und die Industriealisierung in England verdrängte das Leinen; der Hollandgang lohnte sich nicht mehr. Wer nicht auswanderte, war den schrecklichsten Hungersnöten ausgesetzt. Manche verdingten sich als Walfänger, wobei viele im Eismeer umkamen.

Mit den beiden Weltkriegen endete diese Geschichte der Ausbeutung, die der Ausbeutung in der frühkapitalistischen Industrie in ihrem Elend in nichts nachstand, wie Robben zusammenfasste.

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