1. www.wn.de
  2. >
  3. Münsterland
  4. >
  5. Metelen
  6. >
  7. App zu Pflastersteinen des Gedenkens

  8. >

Menschliche Schicksale hinter den Stolpersteinen werden lebendig

App zu Pflastersteinen des Gedenkens

Metelen

Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern an die Ermordung jüdischer Mitbürger durch die Nazis – es gibt drei von ihnen im Ort. Welche persönlichen Schicksale hinter diesen Gedenk-Pflastersteinen stehen, will eine neue App erfahrbar machen. Auch Metelens Gemeindearchivarin arbeitet derzeit darin, Beiträge zu den drei deportierten und ermordeten Metelenerinnen für die App zu erstellen.

Von Dieter Huge sive Huwe

Immer auffällig – auch bei Regenwetter: Die drei Metelener Stolpersteine, die vor dem Haus Schilden 15 von Künstler Gunter Demnig 2007 und 2012 ins Pflaster des Gehwegs eingebaut wurden, finden sich ebenfalls in der neuen App.

Gegen das Vergessen“ – mit diesem Anspruch hat der WDR „Stolpersteine NRW“ veröffentlicht. Die App und eine begleitende Website machen die Geschichten hinter rund 15 000 Stolpersteinen in NRW digital erlebbar – demnächst auch in Metelen.

„Wir sind vom WDR angeschrieben worden“, erläutert Gemeindearchivarin Sabine Jarnot. Sie werde in den kommenden Wochen dem Sender weitere Informationen über die Metelener Juden, die während des Nationalsozialismus ermordet wurden, zur Verfügung stellen, damit diese in die App eingestellt werden können. Aktuell finden sich darin nur die Eckdaten, die mit automatisierten Bildstrecken hinterlegt sind.

In Metelen verlegte der Künstler Gunter Demnig in den Jahren 2007 und 2012 insgesamt drei Stolpersteine. Sie finden sich alle vor dem Haus Schilden 15 und machen auf die Schicksale von Emmy Löwenburg und Johanna Horn sowie Ruth Marx aufmerksam.

„Die jüdische Gemeinde in Metelen hielt ihre Gottesdienste in einer Betstube ab, die im Haus des Levy Moses, später Jakob Salomon, an der Adresse Schilden 15 eingerichtet war“, beschreibt Gemeindearchivarin Sabine Jarnot den Hintergrund für die Wahl des Ortes der Stolpersteine, und: „Hermann Salomon übernahm zusammen mit seinen beiden Brüdern das Geschäft seines 1923 verstorbenen Vaters Jakob. Den Haushalt führte ihnen Ruth Marx, geboren 1910. Sie wurde 1941 nach Riga deportiert und ermordet. Emma Salomon, geboren 1897, heiratete Julius Löwenberg und zog 1927 zu ihm nach Ochtrup. Sie wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Die 1909 geborene Schwester Johanna ging ins Rheinland, und Emil Salomon wanderte 1939 nach Amerika aus. Johanna wurde 1941 nach Minsk deportiert und ermordet.“

Sabine Jarnots Vorgänger im Gemeindearchiv, Reinhard Brahm,­ hatte sich mit dem Schicksal der jüdischen Mitbürger nach 1933 beschäftigt und auch mit den Anfeindungen aus der Bevölkerung. Er schreibt: „Mit der Herausbildung nationalsozialistischer Herrschaftsstrukturen wurde Antisemitismus spürbar. Inwieweit die Familie Salomon vom 1934 gegründeten ‚Kampfbund des Mittelstandes’, der anfangs 35 Gewerbetreibende umfasste und rasch wuchs, angegriffen wurde, ist nicht bekannt. Zeitzeugen berichten von Liedgut mit antijüdischen Tönen, das Schulkinder sangen. HJ und SA stimmten wegen des Boykotts gegenüber jüdischen Geschäften in Deutschland 1935, wenn sie bei Salomons vorbeimarschierten, eindeutige Hetzlieder an.

Familien, die mit Salomons befreundet oder deren Geschäftspartner waren, empfanden diese Provokation als beschämend. Die Ausgrenzung der Familie Salomon aus dem gesellschaftlichen Leben Metelens verstärkte sich. So gingen die Söhne Albert, Hermann und Emil nicht mehr zum Frisör, um sich rasieren zu lassen. Auch war die Mitgliedschaft im Schützenverein und in der Feuerwehr nach der Gleichschaltung und den ‚Nürnberger Gesetzen’ nicht mehr möglich. Wer noch zu Salomons stand, wurde auf Konsequenzen hingewiesen oder mit einer Meldung in der NS-Zeitung ‚Der Stürmer’ bedroht.“

Startseite
ANZEIGE