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Picknick erinnert an jüdisches Leben in Metelen

Wie aus Nachbarn „Juden“ wurden

Metelen

Einen Blick zurück auf 451 Jahre jüdisches Leben in Metelen unternahmen jetzt die Gäste eines Picknicks an der Mühle. Eingeladen hatte die Gemeinde Metelen, die mit Rezitationen, Liedern und Tanz einen Einblick in die Kultur der früheren Mitbürger im Ort gab.

Von Norbert Hoppe

Das Publikum erwies sich als Aktivposten bei dem jüdischen Lied „Tumbalalaika“, dessen Refrain nach einer kurzen Übungseinheit von allen vernehmlich mitgesungen wurde. Getanzt wurde auf der Wiese an der Mühle ebenfalls. Das Picknick bot Gelegenheit für anregende Gespräche. Applaus gab es für die musikalischen Beiträge von Foto: Norbert Hoppe e

Jüdische Kultur und jüdisches Leben ist ganz einfach zu verstehen – wenn man sich darauf einlassen kann. Dem Publikum gelang dieses am Samstagnachmittag bei Plagemanns Mühle im Rahmen eines unterhaltsamen Picknicks, zu dem die Gemeinde Metelen eingeladen hatte, mühelos. Die einfühlsame und kompetente Begleitung durch überzeugende Akteure war der Garant dafür, dass am Samstag eine überaus gelungene Veranstaltung jüdisches Leben in Deutschland und in Metelen vorstellte.

Nach dem Grußwort von Bürgermeister Gregor Krabbe, der mit Nachdruck erklärte, dass sich die Greueltaten der Naziherrschaft niemals wiederholen dürften, wies Karl Watermann darauf hin, dass der heutige Nachmittag nach der Restaurierung des jüdischen Friedhofs und des neues Tores bereits der dritte Beitrag zum Jubiläumsjahr sei.

Seit 1700 Jahren gebe es nachweislich jüdisches Leben in Deutschland. Das Edikt Konstantins, so Watermann (s. Kasten), sei somit das früheste schriftliche Zeugnis über jüdisches Leben in Mitteleuropa. Der früheste Beleg über die Ansiedlung von jüdischen Bürgern in Metelen sei inzwischen 451 Jahre alt, lautete die Information von Watermann, 1850 lebten etwa 20 jüdische Menschen unter 1500 Meteenern. „Sie waren Viehhändler, Handwerker und Krämer, waren in Feuerwehr und Schützenverein anerkannte Mitglieder und die soziale Akzeptanz war selbstverständlich“, so Watermann in seinen Erläuterungen. Ab 1933 wurden dann aus Nachbarn und Bürgern „Juden“, die es zu bekämpfen galt und die vom Naziregimes systematisch vernichtet wurden. „Wir können den nachfolgenden Generationen verzeihen, vergessen können wir dieses Unrecht nie“, zitierte Watermann eine jüdische Stimme.

Plattdeutsche Gedichte über die schöne westfälische Landschaft, Liebe, Essen und Trinken trug Everhard J. Drees vor. Darin ging es um das bäuerliche Münsterland, um dicke Bohnen und Pfannkuchen mit Zwiebeln oder in der süßen Variante mit Apfel oder Kirschen, um romantisch-kitschige Hymnen auf die westfälische Heimat. Überrascht waren alle, dass diese plattdeutschen Werke von einem jüdischen Dichter stammten, nämlich Eli Marcus, der als Sohn des Burgsteinfurter Gerbers Samuel Marcus 1854 in Münster geboren wurde und dort 1935 starb. „Diese Gedichte könnten genauso gut von Augustin Wibbelt oder Hermann Löns geschrieben worden sein“, beschrieb Drees die Liebeserklärungen an das Münsterland.

Auszüge aus dem Buch „Warum bist Du nicht vor dem Krieg gekommen?“ der Schriftstellerin Lizzie Doron las Beate Meißner-Waterann dem gespannt zuhöre-den Publikum vor. Und bevor der Nachmittag dem Ende entgegenging, nahm die jüdische Künstlerin Julia Rivina das Publikum noch mit auf einen Tanz und beendete die Veranstaltung mit dem melancholischen Abschiedslied „Lomir ale inejnem“, das von allen gemeinsam intoniert wurde. Schon zuvor erwies sich das Publikum als Aktivposten bei dem jüdischen Lied „Tumbalalaika“, dessen Refrain nach einer kurzen Übungseinheit mit der „Chorleiterin“ von allen vernehmlich mitgesungen werden konnte.

Damit enden jedoch nicht die jüdischen Feiertage. Von heute bis Mittwoch begehen die Menschen jüdischen Glaubens in aller Welt ihr Neujahrsfest „Rosh haschana“. Nach jüdischer Zeitrechnung beginnt damit das Jahr 5782 wie am Samstag am Rande der Veranstaltung erläutert wurde.

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