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Viel beachtetes Fachgespräch in der KvG-Gesamtschule zum Thema Gewalt gegen Kinder

Das Ausmaß ist kaum vorstellbar

Nordwalde

Mehr als 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem gesamten Kreisgebiet - hauptsächlich aus dem pädagogischen Berufen - nahmen am Donnerstagabend an einem Fachvortrag in der Kardinal-von-Galen-Gesamtschule in Nordwalde teil. Ingo Wünsch, Direktor des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen und Martin Janning, Psychologe und Leiter des Heilpädagogischen und Psychologischen Dienstes im Caritas Kinder- und Jugendheim Rheine referierten auf Einladung der CDU-Landtagsabgeordneten Christina Schulze Föcking aus Steinfurt zum Thema „Gewalt gegen Kinder und die Strategien der Täter“.

Von Rainer Nix

Landeskriminalamts-Leiter Ingo Wünsch, Psychologe Martin Janning und Christina Schulze Föcking (v.l.) tauschten sich beim Fachvortrag zum Thema „Gewalt gegen Kinder und die Strategien der Täter“ in der KvG-Gesamtschule aus. Foto: Rainer Nix

Nicht alle Kinder wachsen behütet auf. Statistisch betrachtet werden ein bis zwei Kinder pro Schulklasse Opfer sexualisierter Gewalt. Die großen Missbrauchskomplexe in Lügde, Bergisch Gladbach, Münster und Wermelskirchen erschütterten die Öffentlichkeit. Christina Schulze Föcking MdL, Kinderschutz-Sprecherin in der CDU-Landtagsfraktion, lud am Donnerstag zum Fachgespräch „Gewalt gegen Kinder und die Strategien der Täter“ in die Mensa der Kardinal- von-Galen-Gesamtschule Nordwalde ein.

Die Resonanz war groß. Mehr als 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem gesamten Kreisgebiet, zum großen Teil aus pädagogischen Berufen, wurden in Präsenz und Online verzeichnet. Schulze Föcking begrüßte auch Bürgermeisterin Sonja Schemmann und Pfarrer Ulrich Schulte Eistrup.

Experten

Als Experten waren Ingo Wünsch, Direktor des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen, und Martin Janning, Psychologe und Leiter des Heilpädagogischen und Psychologischen Dienstes im Caritas Kinder- und Jugendheim Rheine, vor Ort.

„Etwa drei Kinder sterben in Deutschland wöchentlich an Gewalt“, informierte Schulze Föcking. Das sind Zahlen, die schockieren und wach rütteln. Es sei wichtig, ein Auge auf Missbrauchsdarstellungen in Internet zu haben. „Im Netz findet so viel statt“, so Wünsch, „dass können sich viele Menschen nicht einmal vorstellen.“

Begierde

In den Augen der Täter seien Kinder lediglich Sexualobjekte der Begierde. „Dabei muss es immer der neue Kick sein.“ Man müsse sich klar werden, dass sexualisierte Gewalt in unserer zivilisierten Gesellschaft stattfindet und nicht irgendwo im leeren Raum. „Alle werden zu Opfern, vom Säugling bis zum Behinderten.“ Das Ausmaß sowie die Brutalität seien in den letzten drei Jahre auch für die Polizei kaum vorstellbar gewesen. „Und wir sind noch lange nicht am Ende, denn Missbrauchsdarstellungen wird es im Netz leider immer geben“, hob der Landeskriminalamtsleiter hervor. Glücklicherweise ist die Gesellschaft mittlerweile bereit, hinzuschauen und anzuzeigen. So wurden im Jahr 2021 rund 11 000 Verfahren eingeleitet.

Nachbar

Bedauerlicherweise seien Eltern oft keine Schutzfaktoren, sondern am Missbrauch zumindest beteiligt.

„Die Täter kommen aus allen Gesellschaftsschichten und sind hochmanipulativ“, beschreibt Wünsch. „Nicht selten ist es der nette Nachbar von nebenan.“ Notwendig sei allgemein eine höhere Sensibilität, denn um gehört zu werden, müsse ein Kind sich im Durchschnitt sieben bis acht Mal an Erwachsene wenden, sagte Schulze Föcking.

„Besonders gefährdet sind emotional unterversorgte Kinder“, hob Psychologe Janning hervor. „Das Interesse an ihnen von Seiten der Täter wird als Aufwertung ihrer Person wahrgenommen.“ Täter wenden unterschiedliche Strategien an, um an ihr Ziel zu kommen. Sie bauen Vertrauen auf, indem sie sich als verständnisvolle Freunde darstellen. Das Opfer hofft dann auf Erfüllung seiner Sehnsüchte. Mädchen und Jungen werden in die soziale Isolation gedrängt, indem die Freundschaft vom Täter als exklusiv definiert wird. Da hat kein anderer etwas zu suchen. Das schaffe emotionale Abhängigkeit.

Manipulation

Eine weitere Variante der Manipulation bestehe darin, dem Kind zu suggerieren, es finde sexuelle Handlungen eigentlich auch schön und es sei überdies attraktiv. „Verwirrung und Wahrnehmungsverzerrung sind die Folge“, so der Psychologe. Darüber hinaus sei auch die Normalisierung sexualisierter Misshandlung ein Mittel, mit dem Täter ihre Opfer gefügig machen. Dann heißt es etwa: „Das ist ganz normal, das machen Viele.“

Es gelte, die Ohnmacht betroffener Kinder zu verstehen, sich Zeit zu nehmen, mit ihnen zu reden, und dabei offen über Sexualität zu sprechen. „Locker und ruhig bleiben ist wichtig und auch, das Kind von möglichen Schuldgefühlen zu entlasten“, so Janning. „Wir müssen Kindern eine Sprache geben, mit Mut und Entschlossenheit auf sie eingehen.“

Diskussion

Die sich den Vorträgen anschließende Diskussion zeigte unter anderem, dass Pädagogen sich zum Teil überfordert fühlen. Entsprechende Weiterbildung zum Themenbereich der sexualisierten Gewalt sei von Nöten.

„Wir dürfen das Thema nicht wieder einschlafen lassen“, appellierte Ingo Wünsch. Christina Schulze Föcking fordert, die Möglichkeiten der Datenspeicherung bei der Nachverfolgung sexueller Gewaltdarstellung im Internet zu optimieren.

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