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Elisabeth Hidding erzählt vom Fronleichnams-Segensaltar am früheren Rathaus

Das Ende einer Ära

Nordwalde

Durch die Corona-Pandemie hatte die Fronleichnams-Tradition Nordwaldes pausieren müssen, der Abriss des Rathauses hat sie wohl endgültig beendet: Viele Jahrzehnte lang waren die Rathaustreppen Station für einen Segensaltar bei der Fronleichnamsprozession. Elisabeth Hidding erinnert sich an ein Stück „Dorfhistorie“.

Von und

Mit dem Abriss des Rathauses ist wohl auch eine Fronleichnams-Tradition Nordwaldes Geschichte: Die Rathaustreppen waren viele Jahrzehnte lang Station für einen Segensaltar bei der Fronleichnamsprozession Foto: Archiv Heimatverein Nordwalde

Mit dem Abriss des Rathauses ist auch eine Ära in der Fronleichnams-Tradition Nordwaldes zu Ende gegangen. Viele Jahrzehnte lang waren die Rathaustreppen Station für einen Segensaltar bei der Fronleichnamsprozession. Aber schon im vergangenen Jahr war das coronabedingt nicht mehr der Fall, nach dem Abriss des Rathauses ist diese Tradition damit wohl endgültig dahin.

Elisabeth Hidding war in der gesamten Zeit eine der treibenden Kräfte, die immer wieder gemeinsam mit den Nachbarinnen und Nachbarn den Segensaltar aufgebaut und betreut haben. Selbst das notwendige Material war im Keller des alten Hauses Hidding eingelagert, schreibt Christoph Brodesser in einem Pressetext. Er und Dieter Schnieders haben sich mit Elisabeth und Hubertus Hidding zum Gespräch zusammengesetzt. Elisabeth Hiddings Bericht ist ein Stück „Dorfhistorie“, die es wert ist, aufgezeichnet zu werden.

Die Nachbarn zusammengetrommelt

„Viele Nordwalder meinten immer, der Altar wäre von der Gemeinde gekommen, aber im Grunde genommen war das eine Nachbarschaftssache“, erzählt Elisabeth Hidding. Tante Guste aus der Familie Hidding habe sich anfangs gekümmert und die Nachbarn zusammengetrommelt. „Wissings hatten die Tischdecken, Jägers machten die Blumen. Emmi und Nelly Huesmann, die eine Wäscherei und eine Heißmangel betrieben, hatten die Fahnen jedes Jahr rechtzeitig gewaschen, damit alles schön aussah“, berichtet Hidding.

Rudi Altrogge habe seinen Anhänger vor das Wasserbecken am Rathaus gesetzt, darauf war ein riesengroßes Kreuz. Der Anhänger hatte eine breite Treppe, und die Männerbruderschaft mit Leo Dömer habe 1987 dann schließlich noch ein Geländer mit Handlauf daran geschweißt, um die Treppe sicher zu machen. „Die Treppe war dann später jahrein, jahraus bei Rudi Altrogge auf dem Hof eingelagert und wurde immer wieder zu Fronleichnam herausgeholt. Die Fahnenstangen waren von Bernhard Hidding übernommen worden und wurden sonst in jedem Jahr zum Oktoberfest mit Löwenbräu-Fahnen versehen.“

Elisabeth Hidding

Bis zur Aufgabe ihres Geschäftes wurde der Blumenschmuck von der Familie Paula und Willi Jäger beigesteuert. Willi Jäger war auch für das Grünholen zur Dekoration zuständig und organisierte das für die Nachbarschaft.

Am Abend vor dem Fronleichnamstag wurde aufgebaut. „Das war eine ziemliche Schlepperei“, erzählt Elisabeth Hidding. Karl Watermann versorgte die Nachbarn immer mit Bier. Morgens wurden der Altar mit Fahnen und Blumen dekoriert und die Kerzen angezündet – dann konnte die Prozession kommen. Nach der Prozession, wenn alles abgebaut und verräumt war, gab es einen schönen Frühschoppen, berichtet Elisabeth Hidding.

Altartisch in einer Nacht ramponiert

Es gab aber auch weniger schöne Geschehnisse: In einem Jahr haben Leute in der Nacht zu Fronleichnam im Ortskern randaliert und den Altartisch ziemlich ramponiert. Die Nachbarschaft hat am Morgen des Fronleichnamstags den Tisch wieder zusammengezimmert, „aber irgendwie ist der nie wieder so richtig schön geworden wie vorher“, sagt Elisabeth Hidding.

Dennoch: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fronleichnamsprozession scheinen das nicht gemerkt zu haben, jedenfalls sei dazu nie irgendeine Bemerkung gemacht worden. Später ist dann in jedem Jahr ein Tisch aus Hiddings Wohnung geholt und für Fronleichnam auf die Rathaustreppen gestellt worden.

Elisabeth Hidding

Auch andere Veränderungen gab es über die Jahre: Während anfangs noch ein Baldachin den Altar schmückte, hat die Nachbarschaft das später geändert, weil sich der Aufwand nicht lohnte. Das große Kreuz für die Segensstation ist noch vorhanden, es könnte also in der Zukunft wieder verwendet werden, meint Elisabeth Hidding. Die Knie- und Sitzpolster sind schon mal wieder aufgepolstert worden. „Grundgedanke war immer: wir machen das ordentlich und schön und zeigen damit, wie wir als Nachbarschaft hinter der Fronleichnamsprozession stehen.“

Die Verhältnisse im Ortskern haben sich in den späteren Jahren verändert. Anfangs seien alle Nachbarn in irgendeiner Form am Aufbau des Segensaltars beteiligt gewesen, später zogen aber viele Betriebe – und damit auch die Inhaber – an den Ortsrand und in die Gewerbegebiete. „Irgendwann gab es eigentlich keine Kinder mehr im Ortskern und an der Bahnhofstraße“, sagt Elisabeth Hidding, und damit lastete die Aufgabe, den Segensaltar aufzubauen, schließlich auf immer weniger Schultern.

Zubehör an Kirchengemeinde zurückgegeben

Die Küster Peter Bodewig und später Werner Schmalbrock seien zum Schluss jedes Jahr vor Fronleichnam gekommen und haben gefragt: „Macht ihr dieses Jahr weiter?“ Elisabeth und ihr Mann Hubertus Hidding haben immer wieder zugesagt und die Aufgabe auch mit wenigen Leuten bewältigt. 2020 fiel die Prozession coronabedingt aus, als das alte Haus Hidding nun vor kurzem abgerissen und dafür ausgeräumt werden musste, „dann stand da die Kiste mit den Sachen für den Segensaltar“ und musste woanders untergestellt werden. Nach dem Abriss des Rathauses war es ohnehin nicht mehr möglich, am Amillyplatz einen Segensaltar in alter Form aufzubauen. So haben sich Elisabeth und Hubertus Hidding schließlich entschieden, die Zubehörteile für den Segensaltar an die Kirchengemeinde zurückzugeben.

Es bleibt die Erkenntnis: „Wichtig ist es, dass es immer einen oder zwei Leute gegeben hat, die in jedem Jahr die Sache in die Hand genommen haben.“ Es musste immer jemanden geben, der die Nachbarschaft zusammengetrommelt hat. Es wurde dann gemeinsam immer wieder beratschlagt, wie die Aufgabe erfüllt werden sollte, und alle waren hinterher stolz darauf, wenn sich wieder einmal die Teilnehmer an der Fronleichnamsprozession über den Segensaltar am Rathaus gefreut haben.

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