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Erinnerungen an Weihnachten in Polen

Apfelsine auf dem bunten Teller

Ochtrup

Viel gesunden wurde zu Weihnachten in Polen. Erika Kleine-Rüschkamp erinnert sich noch gerne an ihre Jugend, das köstliche üppige Essen, den schön geschmückten Baum und an das Warten auf das Christkind. An einigen Traditionen hält die in Ostpreußen aufgewachsene Langenhorsterin bis heute fest.

Irmgard Tappe

Einige Brauchtümer des polnischen Weihnachtsfestes hat Erika Kleine-Rüschkamp noch immer beibehalten. Foto: Irmgard Tappe

In diesen Tagen legt Erika Kleine-Rüschkamp des Öfteren eine CD mit polnischen Weihnachtsliedern auf. Ihre Gedanken schweifen dann zurück in die Weihnachtszeit ihrer Kindheit und Jugend. Erinnerungen an die Tage vor dem Fest werden geweckt. Als ihre Mutter und Oma eifrig in der Küche Plätzchen gebacken haben und im Hintergrund Weihnachtslieder aus dem Radio erklangen. Als der Duft nach Pfefferkuchen und Mohngebäck durch das Haus strömte. Als die Fahrt mit dem Pferdeschlitten durch den knirschenden Schnee zur Christmette ein besonderes Ereignis in der Heiligen Nacht war. „An allen Weihnachtstagen wurde in unserer Familie sehr viel gesungen. Polnische Weihnachtslieder, aber auch ,Stille Nacht‘ und ,Oh Tannenbaum‘ in deutscher Sprache“, erzählt die Langenhorsterin.

Drei Geschwister

Sie wuchs mit ihren drei Geschwistern im polnisch besetzten Ostpreußen auf. In Ermland betrieben ihre Eltern eine Landwirtschaft. „Kurz vor Weihnachten“, sagt sie, „wurde bei uns jedes Jahr ein Schwein geschlachtet. In Polen ist diese Tradition weit verbreitet. Ein Metzger kam dann ins Haus. Und Mama und Oma haben das Fleisch verwurstet, eingekocht und den Braten für das Festessen am ersten Weihnachtstag vorbereitet.“

Der Klassiker am Heiligabend sei allerdings ein Karpfen gewesen. Weil die adventliche Fastenzeit und der damit verbundene Verzicht auf Fleisch erst um Mitternacht beendet war. Erika Kleine-Rüschkamp schmunzelt, als sie von einem Heiligabend ohne Karpfen berichtet. „In dem Fischgeschäft im Dorf waren die Karpfen ausverkauft. Da kam meine ältere Schwester mit einem lebenden Aal nach Hause. Aber niemand mochte ihn töten. Schließlich haben wir den Aal wieder zurück ins Wasser gebracht.“

Wachskerzen

Ein Christbaum gehörte selbstverständlich auch zum Fest. „Den haben wir in den Wäldern frisch geschlagen und und am Heiligen Abend aufgestellt. Wir haben ihn sehr bunt geschmückt. Mit viel Lametta, Engelshaar, bunten Kugeln, Wachskerzen und vier Holzvögelchen. Ein Vögelchen für jedes Kind.“ Das Christkind habe in der Nacht die Geschenke gebracht. Jedes Kind bekam einen bunten Teller mit Plätzchen, Nüssen, Äpfeln und als Highlight eine Apfelsine. Die gab es nämlich nur zu Weihnachten. In der Heiligen Nacht hätten sie versucht, wach zu bleiben, um das Christkind zu erwischen. Das sei ihnen aber nie gelungen, denn irgendwann seien sie eingeschlafen, gräbt sie weiter im Erinnerungsschatz ihrer Kindheit.

Zwölf Gänge

Dann spannt sie den Bogen zu weiteren polnischen Weihnachtsbrauchtümern. Mit der Zubereitung des Weihnachtsessens geben sich die Hausfrauen allerorts sehr Mühe. In einigen Regionen stehen am Heiligabend gar zwölf verschiedene kleine fleischlose Gerichte auf dem Tisch. Das erinnert an die zwölf Jünger Jesu und an die zwölf Monate des zu Ende gehenden Jahres. Ein leeres Gedeck steht symbolisch für einen fremden Gast, den man bei Bedarf beherbergen würde. Diese Geste ist ein Zeichen für die Herbergssuche der Heiligen Familie. Viele Familien legen außerdem einen Strohballen unter den Tisch. Das soll daran erinnern, dass Jesus in einem Stall zur Welt kam und in einer Krippe lag.

„Im ostpreußischen Polen gab es diese Traditionen aber nicht. Ich kenne das durch meine Freundin, die heute in Hannover lebt. Sie hat die Traditionen beibehalten“, erklärt Erika Kleine- Rüschkamp. Auch sie pflegt noch heute verschiedene Brauchtümer ihrer Heimat. Zum Beispiel wird der Christbaum erst am Heiligabend geschmückt und bleibt nach Möglichkeit bis zum Fest Mariä Lichtmess am 2. Februar stehen. Und dass sich an Weihnachten alle Familienmitglieder chic kleiden, ist für die Langenhorsterin nach wie vor selbstverständlich.

Medizinstudium

Weihnachten ist für sie und ihren Mann Winfried ein Fest der Familie. Dann kommen die drei erwachsenen Kinder nach Hause und gemeinsam kochen sie deutsche und polnische Gerichte. Und auch der Gottesdienstbesuch war für sie bisher stets ein Teil des Weihnachtsfestes.

Die Langenhorsterin, die als 19-Jährige mit ihrer Familie nach Münster kam, wo sie das Abitur nachholte und ein Medizinstudium absolvierte, erinnert sich noch an die erste Christmette in ihrer neuen Heimat. „Da musste ich voller Wehmut an den feierlichen und inbrünstigen Gesang während der Festgottesdienste in Polen denken“, sagt sie. An den Weihnachtstagen wird in ihrem Hause nach wie vor viel gesungen. Klassische deutsche Lieder gehören dazu. Und manchmal läuft die CD mit den polnischen Weihnachtsliedern.

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