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Dialog zwischen Frauen verschiedener Herkunft mit Fluchtgeschichte

Die Heimat unfreiwillig verlassen

Ochtrup

Es sind Schicksale, die viel gemeinsam haben: Sowohl nach dem Zweiten Weltkrieg aus den deutschen Ostgebieten als auch auch während der Herrschaft der Taliban in Afghanistan flüchteten Menschen in den Westen. Drei Frauen, Zeitzeuginnen der Flucht, berichteten jetzt auf Einladung des evangelischen Kirchenkreises.

Von Irmgard Tappe

Feysan Amini (l.) und Farida Anwari (M.) flüchteten aus Afghanistan und sprachen mit Bettina Flug Foto: Irmgard Tappe

Es waren Frauen unterschiedlicher Herkunft und aus unterschiedlichen Generationen, die am Freitagabend auf Einladung des evangelischen Kirchenkreises im Gemeindehaus über ihre Flucht und Vertreibung berichteten.

Auch wenn die historischen Gegebenheiten unterschiedlich waren, so gibt es in den Gefühlen der gebürtigen Schlesierin Helene Ernst und den Afghaninnen Farida Anwari und ihrer Tochter Feysan Amini doch Gemeinsamkeiten.

Helene Ernst war neun Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und den sechs Geschwistern aus Schlesien vertrieben wurde. „Man hat uns in Waggons verfrachtet – 36 Leute in einem Abteil, das mit Stroh ausgelegt war. In der Mitte der Waggons war ein Loch, in dem man die Notdurft verrichten konnte“, schildert die 86-Jährige im Dialog mit Pastorin Heike Bergmann ihre Erinnerungen. In der Karwoche sei das gewesen. Ein Geistlicher habe eine Andacht gehalten und über das Leiden Jesu am Karfreitag gesprochen. „Trotz Karfreitag wird es wieder Ostern werden“ habe er gesagt, erinnert sie sich an die tröstenden Worte des Priesters

Im Westen seien sie in ein Auffanglager gekommen, und danach mit einem Personenzug nach Warendorf gebracht worden. „Wir wohnten vorübergehend in einer Pferdebox. Aber nach all dem, was hinter uns lag, war das ein wunderbares Gefühl“, sagt Helene Ernst. Nach einigen Tagen habe man sie nach Beelen gebracht. „Die Bauern des Dorfes suchten sich arbeitsfähige Leute aus, die bei ihnen wohnen konnten. Wir waren nicht darunter und wurden in eine schreckliche Unterkunft verwiesen. Aber darauf möchte ich nicht näher eingehen“, bemerkt die Seniorin. Eine liebenswerte Bauersfrau habe ihre Familie dort herausgeholt und ihnen auf ihrem Hof eine Zweizimmerwohnung geboten. „Die Frau und unsere Mutter freundeten sich an. Die Bäuerin war katholisch, Mutter evangelisch und beide waren sehr religiös. Damals habe ich erstmals gelebte Ökumene erfahren“, erinnert sich Helene Ernst.

In der Bauerschaftsschule ging es weniger ökumenisch zu. „Es war furchtbar“, erinnert sich die Ochtruperin. Sie habe Ablehnung erfahren und einmal hätte ein Junge sie „Heiden“ genannt.

Nach der Schulzeit machte Helene eine Ausbildung zur Hutmacherin und kam vor 57 Jahren berufsbedingt nach Ochtrup. Dort suchte sie den Kontakt zur evangelischen Kirchengemeinde, wo sie auch ihren Mann kennenlernte. Einmal sei sie später noch mit ihrem Bruder nach Schlesien gefahren. „Danach habe ich gewusst. Schlesien ist zwar meine Heimat, aber Ochtrup ist mein Zuhause“, sagt die 86-Jährige, der ihr Glaube immer Halt in schweren Zeiten gab.

Heike Bergmann fragt die Seniorin, was sie den geflüchteten Frauen von heute wünscht. „Dass sie aufgenommen und wertgeschätzt werden“, betont Helene Ernst.

Farida Anwari und ihre Tochter Feysan nicken zustimmend. „Warum seid ihr aus Afghanistan geflohen?“, spannt Moderatorin Bettina Flug den Bogen in das Jahr 2015. Feysan erzählt, dass sie in ihrem Herkunftsland nie Frieden kennengelernt hat. „Als ich geboren wurde, herrschte dort bereits Krieg. Wir sind aufgewachsen mit dem Gefühl von Bedrohung und Angst vor den Taliban. Sie haben die Mädchen genommen, um sie zu verheiraten. Sogar neunjährige Mädchen haben sie zwangsverheiratet“, schildert die 19-Jährige diese unfassbaren Zustände.

Ihre Mutter berichtet von der Flucht. Eine Woche seien sie, ihr Mann, die Kinder und weitere Familienangehörige bis in den Iran gelaufen, wo sie drei Monate lebten. „Wir durften aber als Afghanen nicht dort wohnen, wurden beschimpft und beleidigt“, erinnert sich Farida. Mit einem Auto habe man sie zur türkischen Grenze gefahren. Zwölf Tage hätten sie in der Türkei in einem Wald gelebt, bevor sie im Schlauchboot bis Griechenland transportiert wurden. „Dort fühlten wir uns erstmals etwas sicherer“, berichten die Frauen und erzählen von ihrer Ankunft in Deutschland. Vereinzelt seien ihnen Menschen begegnet, die sich ablehnend verhielten. Andere wiederum hätten ihnen hilfreich zur Seite gestanden. Besonders den Verein Miteinander und das Internationale Frauencafé haben sie als Anlaufstelle und Treffpunkt kennen und schätzen gelernt.

„Trotzdem war da diese ständige Angst vor der Abschiebung. Meine drei älteren Brüder hatten zum Beispiel keinen Aufenthaltsstatus in Deutschland. Sie sind illegal nach Frankreich gegangen, wo man ihnen für zehn Jahre Aufenthalt gewährt hat“, berichtet Feysan.

Sie und ihre Mutter bedauern, dass ihre Familie auseinander gerissen wurde. Sie selbst fühlen sich nur „etappenweise“ sicher vor einer Abschiebung. Dreimal sei ihre Aufenthaltserlaubnis in Deutschland bisher verlängert worden. „Aber es schwingt immer diese Ungewissheit mit, ob sie das nächste Mal wieder zustimmen“, schildern die Frauen ihre Gefühle. Feysan sagt über Afghanistan: „Wir haben kein Land mehr. Die Taliban erkennen uns nicht als Muslime an. Sie reden vom Islam und bringen Menschen um. Sie zwingen Jungen zum Militärdienst und Mädchen zur Heirat. Was die machen, hat mit dem Islam nichts zu tun. Man kann es nicht in Worte fassen.“

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