1. www.wn.de
  2. >
  3. Münsterland
  4. >
  5. Ochtrup
  6. >
  7. Erst rechnen – und dann düngen

  8. >

Landwirte pendeln zwischen Acker, Stall und Büro

Erst rechnen – und dann düngen

Ochtrup

Rauf auf den Trecker, das Güllefass füllen – und dann nichts wie rauf auf den Acker, um den Mist nach dem Winter endlich einmal loszuwerden. Ja, denkste!

Susanne Menzel

Die Lager mit Düngemitteln bei der Raiffeisen-Warengenossenschaft sind gut gefüllt, wie Geschäftsführer Andreas Koers (l.) und Landwirt Thomas Ostendorf demonstrieren. Die Warengenossenschaft hat inzwischen auch entsprechendes Gerät zum Ziehen von Bodenproben angeschafft (Foto rechts) Foto: Susanne Menzel

Was sich bei vielen vielleicht in Verbindung mit dem Thema Landwirtschaft im Kopfkino nach diesem Muster abspielt, mag unter Umständen in grauer Vorzeit einmal Bestand gehabt haben. „So funktioniert Landwirtschaft heute aber längst nicht mehr“, versichert Thomas Ostendorf, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsverbandes (LOV). Bevor der Bauer von heute zum Düngen rausfährt, muss er gründlich rechnen. Und zwar nicht nur damit, dass Berufskollegen ein genaues Auge auf sein Treiben haben könnten, nein, er muss zunächst auch die Bedarfsrechnung für den Dünger aufstellen.

„Mitunter setzen diese Vorschriften schon ein Studium voraus“, sagt Ostendorf. „Das Büromonster“, wie er es nennt, will nämlich alles haarklein nachgewiesen haben. „Jeder Gramm Dünger muss für jede Pflanze pro Quadratzentimeter Schlag dokumentiert werden“, erklärt der Fachmann ein wenig überspitzt. Für den Landwirt ein enormer Zeit- und Schreibaufwand. Grund dafür, dass viele gerade diesen Aufgabenbereich aussourcen, sprich auslagern.

Die Raiffeisen Warengenossenschaft hat für diesen Part 2017 ein eigenes Agrarbüro gegründet, in dem Anke Schräder als kundige Ansprechpartnerin den Service übernimmt. „Ich betreue die Landwirte bezüglich der vorgeschriebenen Dokumentationen und führe für sie die elektronische Ackerschlag-Datei“, umreißt Schräder ihr Gebiet.

Gerade in diesen Tagen steht das Telefon bei ihr nicht mehr still. Das Düngejahr startet nämlich am 1. Februar. „Wer vorher seinen Mist auf dem Feld ablädt, begeht einen Verstoß“, betont Thomas Ostendorf deutlich und bestimmt. Inzwischen, so seine Erfahrung, „achten die Berufskollegen aber schon gegenseitig darauf. Die Einhaltung wird von Jahr zu Jahr besser.“

Deshalb wird jetzt gerade auch eifrig gerechnet: Wie ist der Boden beschaffen? Lehm oder Sand? Welche Vorfrucht stand darauf? Wie war die Düngung fürs Vorjahr? Stimmte die Prognose mit dem Ernteergebnis überein? Hat es viel oder wenig geregnet? Ist das Stroh bei der Ernte liegen geblieben, oder weggeräumt worden? Welche Frucht soll in diesem Jahr ausgesät werden? Das sind nur einige der Fragen, die sich die Bauern nicht nur stellen, sondern, die sie auch schriftlich beantworten müssen. Hinzu kommen noch Bodenproben, die eingereicht und untersucht werden müssen. „Das ist alles eine Wissenschaft für sich. Und das lässt sich auch nicht mal eben telefonisch an einer Hotline erledigen“, weiß Praktiker Ostendorf. „Das füllt mehrere Ordner. Und da ist ein persönlicher Ansprechpartner vor Ort eine große Hilfe. Wir haben zudem auf den Höfen auch noch etwas anderes zu tun, als den ganzen Tag im Büro zu sitzen.“

Anke Schräder, gelernte Industriekauffrau, stammt selbst vom Hof und weiß daher, wie ihre Kunden denken. Mit den gesetzlichen Anforderungen hat sie sich längst vertraut gemacht, Weiterbildungen inbegriffen: „Es gibt kein Jahr ohne Neuerungen“, sagt die Ochtruperin.

Zurück zum düngewilligen Landwirt: Erst wenn alle Punkte berücksichtigt, berechnet und dokumentiert sind, darf er ab Anfang Februar ausrücken. „Und bei einer Kontrolle müssen die Unterlagen schriftlich vorliegen“, ergänzt Andreas Koers, Geschäftsführer der Raiffeisen Warengenossenschaft. „Die Daten nur im Computer zu haben, reicht nicht aus. Es muss die Papierform gewahrt sein.“

Und weil sich das Wetter im Februar auch per Bauernkalender nicht schon bis August exakt voraussagen lässt, wird das Dokumentations-Prozedere gleich zweimal fällig. Erstmalig im Frühjahr, im Herbst wird dann „nachjustiert“.

Was letztlich auf dem Acker landet, hängt also vom Berechnungsergebnis ab: ob es die eigene Gülle ist, oder spezielle Mittel, die dazugekauft werden müssen. Aber auch die werden natürlich genau in die Listen als Nachweis eingetragen.

Die Technik auf den Treckern ist übrigens inzwischen so ausgereift, dass ein Handy die Schnittstelle zwischen Büro und Maschine bildet. Anke Schräder kann ihren Kunden die Berechnungen auf die Handy-App schicken, per Handy werden die Dosierungen – zumindest schon bei denjenigen Lohnunternehmern mit modernster Ausrüstung – an den Trecker weitergegeben. „Und dann kann genau ausgebracht werden“, erklärt Ostendorf den Weg.

Ach so, das Wetter ist übrigens auch noch ein wesentlicher Faktor. Wenn der Kalender zwar den 1. Februar ansagt, der Acker aber Tag und Nacht aufgrund von Dauerfrost nicht auftaut, dann heißt es erst einmal warten. Erst wenn der Boden tagsüber leicht antaut und der Dünger vom Boden aufgenommen werden kann, ist das Loslegen erlaubt. Selbst hier sind die entsprechenden Dokumentationen Pflicht. Dazu, so Anke Schräder und Andreas Koers, gibt es eine Agrarseite beim Wetterdienst mit den notwendigen Angaben.

„Dass wir dann oft in der Dunkelheit auf die Felder fahren, um Gülle oder anderen Dünger auszubringen, hat nichts damit zu tun, dass wir etwas zu verbergen hätten“, räumt Thomas Ostendorf in diesem Zusammenhang mit einem weiteren gängigen Vorurteil auf. „Hintergrund ist, dass wir den Boden auf den Schlägen schonen wollen. Wenn er angetaut ist, fahren wir ihn mit den großen Fahrzeugen kaputt. Nachts, bei Frost, sind die Arbeiten dann schonender durchzuführen.“

Letztlich, so die Bilanz von Thomas Ostendorf, Andreas Koers und Anke Schräder, habe aber die Natur im Jahreslauf das letzte Wort. „Jedes Jahr ist aus Vegetationssicht anders. Das eine ist trocken, das nächste Nass. Wir arbeiten in und mit der Natur – ohne Dach oder Gewächshaus.“

Startseite
ANZEIGE