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Lesung zum Thema „Stottern“

Gerd Riese und seine Frau erzählen bewegende Geschichten

Ochtrup

Bewegende Geschichten und Biografien waren am Mittwochabend in der Bücherei St. Lamberti zu hören. Dort war Gerd Riese zu Gast. Der Autor las zusammen mit seiner Frau Ilona Richter aus seinem Werk „Mein Weg“ vor, in dem er Menschen, die stottern porträtiert.

Irmgard Tappe

Gerd Riese und seine Frau Ilona Richter stellten in einer Lesung verschiedene Biografien vor – alle Personen haben gemein, dass sie stottern. Foto: Irmgard Tappe

„Dies ist ein Reportagebuch und enthält nichts Fiktives“, sagt Gerd Riese und hält sein jüngstes Werk „Mein Weg“ in den Händen. Der 66-jährige Autor schaut in die erwartungsvollen Gesichter der 30 Besucher seiner Lesung in der Bücherei St. Lamberti. „In diesem Buch“, kündigt er an, „kommen elf Menschen aus unterschiedlichen Berufen und gesellschaftlichen Schichten zu Wort. Die Jüngste ist 18, der Älteste 82. Sie alle haben gemeinsam, dass sie stottern.“ Wohl kaum jemand hätte diese Interviews so einfühlsam führen können wie Gerd Riese. Denn auch er ist ein Betroffener, wie er freimütig bekennt.

Die Menschen in seinem Buch hat er nach dem Lebensweg als Stotternde befragt. „Wie Serpentinen – bergauf und bergab“, hatte eine Frau namens Kathleen ihm geantwortet. „Da ich weiß, dass manche Menschen über mich lachen, bin ich stärker und sensibler geworden. Ich kann es nicht ertragen, wenn jemand ausgegrenzt wird, weil ich dieses Gefühl kenne“, erzählt Kathleen.

Gerald

Gerald beschreibt seinen Weg als „Feldweg mit vielen Pfützen“. Er hat neben dem Stottern ein weiteres Handicap. Seit einer Hirnhautentzündung im Kindesalter leidet er an einer Spastik. Dennoch geht er selbstbewusst mit seinen Barrieren um: „Ich nehme mich, wie ich bin. Und ich mag mich“, sagt der 50-Jährige, der den Kontakt zu seiner Mutter abgebrochen hat. „Sie hatte ein starkes Prestigedenken und zeigte mir täglich, dass ich nicht in ihren Lebensentwurf passte.“

In den Lebensgeschichten wird deutlich, wie unterschiedlich Eltern mit den Sprechbarrieren ihrer Kinder umgehen. Der 64-jährige Adolph schätzt es sehr, dass sein Vater ihm trotz des Stotterns immer etwas zutraute. „Versuche, ob du singen kannst und versuche, in einer Runde mindestens einmal etwas zu sagen“, hatte er ihn stets ermutigt.

Das Motto von Doris

Im Dialog mit seiner Frau Ilona Richter stellt Gerd Riese verschiedene Menschen vor. Eine Frau ist auch unter den Besuchern der Lesung. Sie heißt Doris, arbeitet als Heilpädagogin und Kunsttherapeutin, sieht das Leben als Abenteuer und ist stets auf der Suche nach neuen Erfahrungen. Ihr Motto: „Man kann sich immer weiterentwickeln – egal, wie alt man ist.“ Dass sie stotterte, sei ihr in der Kindheit gar nicht bewusst gewesen. „Nicht reden, sondern schlucken und schweigen“, mit diesem Frauenbild wuchs sie auf einem Bauernhof auf. Ihr Opa dominierte und ihre Mutter, die geduldete Schwiegertochter, musste funktionierten.

Es sind bewegende Geschichten, die Gerd Riese und seine Frau erzählen. Jede Biografie ist anders. Alle haben gemein, dass sie sich zu strebsamen Menschen entwickelt haben und ihren Weg gehen. Ach ja, und sie stottern.

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