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Reszel fand als Kind Schutz in Ochtrup

Glück in der Töpferstadt gefunden

Ochtrup

Der Krieg hat Alfred Reszel, der eigentlich aus dem Ruhrgebiet stammt, nach Ochtrup verschlagen. In einer Bombennacht verlor er mit seiner Familie sein zuhause in Essen. Die Familie fand Unterschlupf in der Töpferstadt. Alfred Reszel und sein Zwillingsbruder wurden bei Familie Horstmann an der Hinterstraße untergebracht. Nach dem Krieg ist seine Familie zwar noch ein paar Mal umgezogen, doch nach Ochtrup kehrte Alfred Reszel später wieder zurück.

Anne Steven

Alfred Reszel – das Bild zeigt ihn Anfang der 1950er-Jahre – ist an der Hinterstraße aufgewachsen. Foto: Privatarchiv Alfred Reszel

Alfred Reszel ist Ochtruper aus vollem Herzen. Eigentlich stammt der 83-Jährige aber aus dem Ruhrgebiet. Der Krieg verschlug ihn schon als Kind in die Töpferstadt. Er ist hier geblieben und hat sein Glück gefunden, wie er selbst sagt.

Geboren wurde Alfred Reszel 1937 in Essen. „Wir waren acht Geschwister“, erzählt der Rentner von seiner Großfamilie. Der Vater arbeitete zunächst in der Zeche, später dann bei der städtischen Müllabfuhr, die Mutter kümmerte sich um die Kinderschar. „Wir haben in einem Zwölf-Familien-Haus gewohnt mit insgesamt fast 60 Kindern verschiedenen Alters“, hat Alfred Reszel einmal nachgerechnet. Das war immer jede Menge Trubel im Haus.

Schutz

Als sein Vater in den Krieg musste, war es für seine Mutter gar nicht so einfach, mit ihren acht Kindern über die Runden zu kommen. Zum Glück habe der Inhaber eines kleinen Lebensmittelgeschäfts in ihrer Nachbarschaft sie ab und an unterstützt, erzählt Alfred Reszel. Die Familie lebte damals in Essen in der Nähe des Bahnhofs, im Krieg eine gefährliche Gegend, denn immer wieder gab es Bombenangriffe, die natürlich oft militärisch wichtige Ziele wie den Bahnhof einer Stadt anflogen. Schutz suchten die Hausbewohner damals zumeist im Keller.

Alfred Reszel

In einer Bombennacht im Jahr 1942 verlor die Familie ihr Zuhause. Alfred Reszel, damals gerade fünf Jahre alt, kann sich noch gut erinnern, wie er zur Toilette im Innenhof des Hauses laufen wollte. Doch der Innenhof hatte sich bereits in ein Flammenmeer verwandelt. Diese Bilder gruben sich tief in sein Gedächtnis ein. Bis heute hat er sie nicht vergessen.

Die Familie stand vor dem Nichts. Als Ausgebombte wurde ihnen zunächst ein Quartier im Münsterland zugewiesen. Alfred Reszel und sein Zwillingsbruder wurden bei Familie Horstmann an der Hinterstraße untergebracht, seine Mutter und die Schwester sowie der jüngste Bruder kamen bei einer Familie an der Schützenstraße unter, zwei weitere Brüder quartierten die Behörden in anderen Familien ein. „Meine beiden ältesten Geschwister waren damals schon aus dem Haus“, erinnert sich Alfred Reszel.

Eierhandlung

Natürlich sei es für ihn „nicht schön“ gewesen, von seiner Familie getrennt zu sein und als Pflegekind „bei fremden Leuten“ untergebracht zu werden. Doch er und sein Zwillingsbruder fühlten sich wohl bei Horstmanns, die damals an der Hinterstraße eine Eierhandlung betrieben. Lange blieb Familie Reszel jedoch nicht in der Töpferstadt. Sie war für Baden-Württemberg registriert worden. „Nach etwa einem Jahr kam der Befehl zum Umzug“, erinnert sich Alfred Reszel. Bis zum Ende des Krieges blieb die Familie also in einem kleinen Ort in Süddeutschland, wo später auch der Vater wieder zu ihnen stieß. Wiedervereint kehrten die Reszels nach dem Krieg nach Essen zurück.

Doch die Stadt war nahezu vollständig zerstört. „Es gab nichts, gar nichts“, berichtet Alfred Reszel. Auf zwei Betten, einigen zusammengesuchten Stahlgestellen und Strohsäcken richteten Vater, Mutter und die sechs Kinder ihre Schlafstatt ein.

Alfred Reszel

Da die Mutter immer noch enge Kontakte nach Ochtrup pflegte, kam Ende 1945 der Vorschlag von Familie Horstmann, doch die Zwillinge wieder ins Münsterland zu schicken. Schweren Herzens hätten seine Eltern dem zugestimmt, erzählt Alfred Reszel. „Es ging darum, dass wir endlich wieder ordentlich versorgt wurden“, weiß der heute 83-Jährige, warum seine Eltern damals diese Entscheidung trafen. So wuchsen die beiden Jungen in Ochtrup auf.

Sie halfen schon als Kinder in der Eierhandlung mit. Zum Spielen ging es hinaus auf die Hinterstraße und die Wallanlagen. „Es gab viele Kinder, die sich damals zum Spielen dort trafen“, erzählt Alfred Reszel und seine Augen leuchten dabei. „Auf dem größeren Eckplatz im Südwesten spielten wir Fußball in Holzschuhen“, erinnert sich der Lausejunge von einst gerne an diese Zeit zurück. Auf der Teerstraße wurde Rollschuh gefahren, im Winter auf dem zugefrorenen Teich am Stüwwenkopp haben sie die Schlittschuhe untergeschnallt.

Kosthaus

Später, als junge Erwachsene, arbeiteten die Zwillinge voll in der horstmannschen Eierhandlung mit. Mit 20 Jahren wollte Alfred Reszel dann aber eigene Wege gehen. Er suchte sich Arbeit in der Fabrik der Gebrüder Laurenz und fand am Lan­genhorster Weg bei der Witwe Schomann ein sogenanntes Kosthaus. Gute Erinnerungen hat der 83-Jährige auch an Kaplan Hünneborn. „Der hat mir viel Gutes getan.“

1959 lernte er seine spätere Frau Rita kennen. Eigentlich wollte er sich damals mit deren Vater treffen, der ein Arbeitskollege war. Das er auf diesem Weg seine spätere Frau kennenlernen würde, habe er damals nicht vermutet, meint der Rentner schmunzelnd. Geheiratet hat er Rita 1963. Einige Jahre später fand Alfred Reszel Arbeit bei der Deutschen Post. Er verdiente fortan seine Brötchen im Bahnpostamt in Münster.

Sicherer Arbeitsplatz

„Das war ein sicherer Arbeitsplatz“, sagt Alfred Reszel. So konnte er seine Frau und die vier Kinder versorgen.

Nach all den Jahren in der Töpferstadt sei er Ochtruper geworden, sagt Alfred Reszel heute. Sogar die plattdeutsche Sprache, die es ihm anfangs fast unmöglich machte, irgendeinen Erwachsenen zu verstehen, lernte er selbst zu sprechen. Seine Familie wurde durch den Krieg auseinandergerissen, die Eltern sind schon viele Jahre tot, die Geschwister heute verstreut, der Kontakt ist sehr lose geworden. Doch er habe sein Glück gemacht, betont der Ochtruper.

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