Als Klara Laurenz auf den Spuren der Vorfahren

Hommage an alte Zeiten

Ochtrup

Wer kann besser über eine Zeit berichten, als diejenigen, die in ihr gelebt haben. Das dachte sich auch Silvia Laurenz. Als Stadtführerin will sie künftig in die Rolle der Unternehmergattin Klara Laurenz schlüpfen und aus deren ganz persönlichen Sicht die Dinge schildern, die sich im 19. Jahrhundert in Ochtrup zutrugen.

Irmgard Tappe

In der Rolle als Klara Laurenz nimmt Silvia Laurenz ihre Gäste bei der historischen Führung mit auf eine spannende Zeitreise durch die Geschichte der Firma „Gebrüder Laurenz“. Start der Führung ist mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken. Foto: Irmgard Tappe

„Harmoniert dieser Hut mit meinem Kleid? Und passt er auch zu meinem Gesicht?“, fragt Klara Laurenz. Sie trägt bei ihrem Besuch im Leineweberhaus ein dunkelblaues, hochgeschlossenes Kleid mit schwarzem Spitzeneinsatz und dazu einen schwarzen Hut. Beides im Stil des 19. Jahrhunderts.

„Das war meine Zeit. Ich bin nämlich 1839 geboren. Mein Vater Bernhard Laurenz war Schankwirt und Krämer in Ochtrup“, erzählt sie. Er und sein Bruder Anton hätten als Händler zusammengearbeitet. 1854 gründeten beide die Firma A. und B. Laurenz, die später in „Gebrüder Laurenz“ umbenannt wurde, erinnert sich die elegante Dame an die Anfänge der Ochtruper Textilfirma.

Dann erzählt sie von „Onkel Antons Sohn Hermann“. Und dabei gerät sie geradezu ins Schwärmen. „Er war ein so schöner Mann. Und intelligent war er auch. Darum besuchte er das Lehrerseminar in Langenhorst. Ich war seit meiner Schulzeit in ihn verliebt, obwohl er mein Cousin war. Aber das war mir egal. Und er liebte mich Gott sei Dank auch“, bekennt Klara Laurenz freimütig. Ihr Vater aber sei gegen diese Beziehung gewesen. Und das nicht nur, weil seine Tochter sich in ihren Cousin verliebt hatte. Der Herr Papa hielt diesen Hermann mit seinen vielen Visionen nämlich für einen Windhund.

Nun, irgendwann stimmte er doch einer Heirat seiner Tochter mit „diesem windigen Typen“ zu. „Wir haben vier Kinder bekommen und waren sehr glücklich miteinander“, sagt Klara Laurenz und strahlt.

Es ist Silvia Laurenz, die sich unter der historischen Kleidung der Urahnin ihrer Familie verbirgt. Die Och­truperin schlüpft fortan häufiger in die Rolle der Klara Laurenz. Immer dann, wenn sie die Teilnehmer einer historischen Stadtführung mit auf eine Zeitreise durch die Textilgeschichte Ochtrups nimmt. Denn das ist gleichzeitig die Geschichte der Familie Laurenz. Aus der Perspektive der Klara Laurenz wird sie den Besuchern unter anderem von ihrem ehrenamtlichen Engagement im „Väterlichen Verein“ und beim „Roten Kreuz“, erzählen.

Mit der Ochtruper Bevölkerung, die einst sehr arm war, fühlte Klara Laurenz sich eng verbunden. Es habe damals noch keinen Sozialstaat gegeben. Also seien die Bürger mit ihren Sorgen und Nöten zu ihr gekommen, berichtet die sozial engagierte Frau. Sie kümmerte sich um bedürftige Familien, organisierte Kuren für kranke Kinder, sorgte dafür, dass Schulkinder etwas zu Essen bekamen und vieles mehr.

„Mein Mann war viel unterwegs für die Firma, die er mit seinem Bruder Heinrich weiter ausbaute. Heinrich war der Buchhalter und Hermann knüpfte die Kontakte nach außen“, spannt Klara Laurenz den Bogen zur Firma ihres Mannes, die anfangs sehr schleppend lief.

Leinen sei in privaten Haushalten auf kleinen Webstühlen gewebt worden. Irgendwann sei das Produkt aber nicht mehr gefragt gewesen, weil die Leute die weichere Baumwolle bevorzugten, die neuerdings im Handel war. Und die hätte man aus den englischen Kolonien importieren müssen. Dass die Firma Laurenz schließlich doch noch einen rasanten Aufschwung erfuhr, schreibt Klara Laurenz der Risikobereitschaft ihres Mannes zu. „Unmittelbar bevor der Krieg zwischen Nord- und Südamerika ausbrach, kaufte mein Mann eine große Menge Baumwollgarn. Weil er davon ausging, dass während des Krieges nichts mehr importiert werden konnte. So war es dann auch.“

Das und vieles mehr wird Klara (alias Silvia) Laurenz den Leuten berichten, die an ihrer historischen Stadtführung teilnehmen. Der Rundgang zu den Stätten der Textilgeschichte Laurenz beginnt mit einer Einführung und einem Kaffeetrinken im Café Beltmanns. Danach wird die Lady ihren Gästen den Beltmann-Bau und den Böhmschen Rundbau vorstellen und sie entführen in die historische Vergangenheit der Gebäude. Dort, wo heute die Menschen durch das Designer Outlet Center (DOC) bummeln und einkaufen, standen einst Webstühle und Nähmaschinen. Es wurde gewebt, gespult, gefärbt und genäht.

Die Fabrikantengattin wird über die Zeit plaudern, als die Firma ihres Mannes das Piushospital errichten ließ. Sie wird mit ihren Gästen zum Marienheim spazieren, wo einst junge Mädchen Kochen, Backen ,Nähen, Vorratshaltung und Schlachten erlernten. „Die Mädchen aus dem Marienheim waren bei den jungen Männern begehrt“, schmunzelt Klara Laurenz. Selbstverständlich stellt sie den Leuten auch das Klarastift vor. Auf die Einrichtung, die ihren Namen trägt, und die sie nach dem Tode ihres Mannes errichten ließ, ist sie besonders stolz.

Buchungsmöglichkeiten

Die historischen Führungen mit Klara Laurenz richten sich an Gruppen ab zwölf Personen und kosten inklusive Kaffeetrinken zwölf Euro pro Person. Gebucht werden können sie beim Stadtmarketing- und Tourismusbüro Ochtrup (Telefon 0 25 53/9 81 80), oder bei Silvia Laurenz (Telefon 0 25 53/ 47 20).

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