Margret Leugers besitzt Kollektionen aus dem Räumungsverkauf des Konsums bei Laurenz

Modelkleider vom Speicher

Ochtrup

Margret Leugers hat die Hochzeiten der Textilproduktion bei der Firma Laurenz/Van Delden erlebt. In den Sechzigern und Siebzigern ging die Mode aus Ochtrup in alle Welt. Stücke, die damals von Models präsentiert worden sind, hebt sie noch heute auf. Eine Reise zurück in die Zeit.

Irmgard Tappe

Margret Leugers arbeitete zu den Hochzeiten der Textilproduktion bei der Firma Laurenz/Van Delden. Auf dem Speicher hat sie etliche „Souvenirs“ aufbewahrt. Foto: Irmgard Tappe

13 Stufen führen hinauf in ein nostalgisches Paradies. Margret Leugers hat den Spitzboden ihres Hauses in einen Raum mit Modehits vergangener Zeiten verwandelt. Röcke, Blusen und farbenfrohe Kleider hängen wohlgeordnet an einem Ständer. Darunter extravagante Messe-Kollektionen, die einst die Models getragen haben, aber auch Kleider mit weißem Bubikragen – hochgeschlossen und minikurz. Und natürlich fesche Mini-Faltenröcke. Alles aus Stoffen genäht, die bei den Gebrüdern Laurenz produziert wurden.

Beim Betreten dieses Raumes taucht man ein in die Welt der 1960er- und 1970er-Jahre. Es war die Zeit, als Margret Leugers „bei den Gebrüdern Laurenz auf dem Kontor saß“. Die Ochtruperin lacht. „Ja, so sagte man früher, wenn jemand im Büro arbeitete.“ Den Stenoblock in der Hand, Bleistift und Ohren gespitzt, um alles zu stenografieren, was der Chef diktierte – das war damals der normale Alltag der Damen vom Kontor. „Steno und Maschineschreiben waren wohl meine Stärken“, bemerkt Leugers, die zunächst für den Abteilungsleiter die Schreibarbeiten erledigte und später Sekretärin für zwei Chefs wurde. Sie berichtet von konzentriertem Blindschreiben, von Aktennotizen mit sechs Durchschlägen, von dem Kopierer aus der Registratur, den sie als Höllenmaschine empfunden hat, und vom Wandel der Stenografie zur Phonotypie.

Auch den Wandel in der Modewelt hat Margret Leugers während ihrer Zeit bei Laurenz und der Nachfolgefirma Van Delden hautnah mitbekommen. In dezenter Rocklänge bis zum Knie hatte sie ihre Ausbildung 1965 begonnen. Zwei Jahre später eroberte der Minirock die Damenwelt. Frau zeigte fortan sehr viel Bein. Ein Trend, der besonders der Jugend gefiel, während für manche Eltern die freche Mode ihrer Töchter gewöhnungsbedürftig war. „Ich fühlte mich absolut wohl darin. Eine Mode, genau nach meinem Geschmack“, sagt Leugers und zeigt einige ihrer Lieblingsstücke.

„Wenn eine neue Kollektion anstand, hat der Chef aufgeräumt. Die ausrangierten Musterfahnen und Dessins wurden entsorgt. Und ich hatte oft das Glück, dass ich sie mit nach Hause nehmen durfte. Ich habe sie bis heute aufbewahrt“, fährt die Ochtruperin fort und zeigt eine Sammlung kunterbunter Stoffkollektionen, die sie auf dem Tisch ausgebreitet hat.

Interesse der großen Versandhäuser

Darunter Musterstücke aus Diolen Loft, Synthetic, Nylon und Polyester. Diese pflegeleichte und bügelfreie Ware war eine Errungenschaft der Sechziger. Die Qualität begeisterte die Hausfrauen, weil das Bügeln entfiel. In den Folgejahren produzierte die Firma Laurenz/Van Delden auch Kollektionen aus Trevira, Jersey und verschiedenen Mischfasern. Die Versandhäuser Quelle und Neckermann interessierten sich für die Laurenz-Stoffe. Auf dem internationalen Markt waren sie ebenfalls begehrt. Von Ochtrup aus trat die Ware ihren Weg rund um den Globus an. „Selbst der Berliner Modeschöpfer Heinz Oestergaard hat aus Stoffen unserer Kollektion Kleider für eine Modenschau angefertigt“, berichtet die ehemalige Laurenz-Mitarbeiterin und blättert in einer Werkszeitschrift aus dem Jahre 1960. Darin sind die Oestergaard-Modelle dokumentiert.

Margret Leugers

Auch die alten Werkszeitschriften der Gebrüder Laurenz hat die Ochtruperin gesammelt. Beim Stöbern in all den alten Schätzen werden bei ihr viele Erinnerungen geweckt. Sie denkt an die Werksfürsorgerin Fräulein Felicitas Landschütz, an den Betriebs-Jugendkarneval ohne Nikotin und Alkohol, an das Musterzimmer mit den schönen Stoffen und an den Konsum im Erdgeschoss des Beltmannbaus, wo es diese Stoffe zu kaufen gab.

Schwester arbeitete im Konsum

Da ihre Schwester Monika Nadicksbernd dort Verkäuferin war, hatte Margret Leugers eine besondere Beziehung zum Konsum. Sie erzählt von den leckeren Brötchen, die man dort frisch belegt kaufen konnte und von den Konsum-Lehrlingen, die mit Kaffeekannen durch die Abteilungen zogen und den Angestellten für ein paar Groschen Kaffee anboten. „Aber nicht in Plastikbechern. Die Angestellten holten ihre Tassen aus dem Schreibtisch und da wurde der Kaffee hineingefüllt. Alles total unkompliziert.“

Margret Leugers

„Im Konsum“, sagt Leugers, „konnte man auch Musterteile aus unserer Näherei und Modellkleider von den Interstoff-Messen erwerben.“ Sie zeigt einige dieser Einzelstücke. Darunter Kleider aus dem Jahr 1972. Mannequins hatten sie einst auf einer Modemesse in Frankfurt getragen. All diese Stücke stammen aus dem Räumungsverkauf des Konsums, der 1973 seine Türen für immer schloss. „Die gesamte Kollektion wurde zum Schnäppchenpreis von drei bis fünf Mark pro Stück angeboten. Meine Schwester hat mich zum Kauf der Restposten überredet. Sie meinte, ich könnte diese Sachen gut tragen. Und notfalls wäre es etwas für die Karnevalskiste“, blickt Margret Leugers zurück.

„Knie umspielt“ war langweilig

Sie folgte dem Rat ihrer Schwester und kaufte die Restposten. Anprobiert hat sie nichts, denn sie war zu dieser Zeit schwanger. Im September 1973 hat sie schließlich eines der Modellkleider zu einem Fototermin angezogen. „Dann kam der Winter, und im Frühjahr 1974 war die Minimode passé“, bedauert die Ochtruperin. „Knie umspielt“ hieß die neue Rocklänge. Passend dazu dunkle Stoffe mit Streublümchen. Margret Leugers und viele ihrer Altersgenossinnen fanden diesen Modetrend hausbacken und langweilig.

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