1. www.wn.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Ochtrup
  6. >
  7. „Und wir sehen dabei zu...“

  8. >

Mahnwache zur Wahrung und Umsetzung der Menschenrechte

„Und wir sehen dabei zu...“

Ochtrup

Rund 50 Menschen beteiligten sich am Samstagmorgen an einer von Klaus Schnabel (Foto) initiierten Mahnwache auf dem Lambertikirchplatz. Ziel der Aktion war es, auf die aktuelle Flüchtlingssituation aufmerksam zu machen und ein Zeichen für Humanität zu setzen.

Von Maximilian Stascheit

Rund 50 Menschen waren am Samstagmorgen zu der von Klaus Schnabel initiierten Mahnwache auf den Lambertikirchplatz gekommen. Dabei hielten u.a. die beiden Ochtruper Bundestagskandidatinnen Sarah Lahrkamp (SPD, orange Weste) und Alexandra Schoo (Grüne, gelbe Weste) Mahnreden. Foto: Maximilian Stascheit

Pfarrer Stefan Hörstrup gab es offen zu: „Als mich Herr Schnabel gefragt hat, ob diese Veranstaltung hier auf dem Kirchplatz möglich sei und ob ich bereit wäre, dort eine Rede zu halten, habe ich mich selbst dabei ertappt, wie die Situation der Flüchtlinge bei mir persönlich in Vergessenheit geraten ist.“ Damit sprach er zugleich den Grund an, weshalb Klaus Schnabel, der sich kommunalpolitisch in der Töpferstadt engagiert und sich selbst als Menschenrechtler bezeichnet, zu der Mahnwache auf den Lambertikirchplatz eingeladen hatte: In einer Zeit, in der eine globale Pandemie das einzig dominierende Thema in den Nachrichten und auf den Tagesordnungen politischer Gremien ist, wolle er auf die aktuelle Situation auf dem Mittelmeer aufmerksam machen, wo allein in diesem Jahr bislang mehr als 600 Menschen, die sich auf der Flucht befanden, ihr Leben verloren haben.

Unter Einhaltung sämtlicher geltender Corona-Vorschriften hatten sich rund 50 Zuschauer – die meisten von ihnen mit kommunalpolitischen Hintergrund – auf dem Lambertikirchplatz versammelt. Ein paar von ihnen waren gar mit themenbezogenen Transparenten erschienen.

„Zwölf Plätze frei“, war auf einem davon zu lesen. Was das zu bedeuten hat, erklärte Manfred Schründer vom Verein Miteinander Ochtrup in einer kurzen Ansprache. Demnach habe der Stadtrat Anfang 2019 einstimmig für die Unterzeichnung einer Petition zur Aufrechterhaltung der Seenotrettung votiert. In dem Beschluss heißt es, dass „die Stadt Ochtrup im Rahmen der geltenden Verteilungssystematik in der Lage ist, weitere Geflüchtete aufzunehmen“. Wie Manfred Schründer erklärte, tauche die Ochtrup in offiziellen Statistiken jedoch nicht auf. Sein Vorwurf: „Die Stadtverwaltung hat es versäumt, diesen Beschluss auch an das Land NRW weiterzuleiten.“ Dem besagten Verteilungsschlüssel zufolge könne die Stadt 59 Flüchtlinge aufnehmen, derzeit sind es aber nur 47 – zwölf Plätze blieben demnach frei.

In einem leidenschaftlichen Appell erinnerte auch Pfarrerin Imke Philipps an diesen Ratsbeschluss: „Wir haben noch Platz bei uns in Ochtrup.“ Die Stadt habe die Möglichkeiten, weitere Flüchtlinge aufzunehmen. „Wir alle werden dadurch kein Brot weniger essen müssen“, so die Geistliche.

Neben Emil Lippers-Hollmann vom Jugendparlament traten auch die beiden Ochtruper Bundestagskanidatinnen Sarah Lahrkamp (SPD) und Alexandra Schoo (Grüne) sowie Bürgermeisterin Christa Lenderich als Rednerpult.

„Besonders die grausamen Bilder von ertrunkenen Kindern brennen sich mir ins Herz. Wenn ich mir als vierfache Mutter vorstelle, was alles passieren muss, damit ich meine Familie in so ein Boot setze... – niemand flüchtet ohne Grund“, so Sarah Lahrkamp. Sie machte deutlich, dass die Politik hier an vielen Stellen besser werden müsse und Deutschland und die EU vor der Welt in der Verantwortung stünden. „Wir müssen einen Weg finden, um das kriminelle und gefährliche Geschäft von Schleppern zu unterbinden und die Flucht von bedrohten Menschen sicherer zu machen. Dafür müssen wir legale Fluchtwege schaffen“, so die Sozialdemokratin. Ihr wichtigstes Anliegen sei, private Seenotrettung nicht zu behindern oder gar zu kriminalisieren.

Alexandra Schoo bezeichnete die humanitären Katastrophen, die sich auf dem Mittelmeer ereignen, als „das größte Versagen unserer europäischen Außenpolitik“. „Und wir sehen dabei zu. Es geht uns ja nichts an“, so die Grünen-Politikern.

Bürgermeisterin Christa Lenderich erklärte, dass die politische Debatte über die Flüchtlingsproblematik oftmals komplex und unbequem sei. „Wir werden sie an vielen Stellen weiterführen, denn unsere Gesellschaft lebt auch vom konstruktiven Streit. Wir dürfen das Feld hier nicht den Populisten und Extremisten überlassen“, so die Verwaltungschefin. Vor dem Hintergrund der aktuellen Situation gab sie den Zuhörern ein klares Bekenntnis: „Es gibt eine Zeit zum Reden und es gibt eine Zeit zum Handeln. Wenn Menschen vor unseren Augen ertrinken, dann ist die Zeit zum Handeln: Das ist in unsere menschliche DNA eingeschrieben“.

Startseite