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Messerattacke auf Saerbecker: Angeklagter muss zur Antiaggressionsberatung und Sozialstunden leisten

Alles andere als Chorknaben

Saerbeck/Emsdetten

Wenn er jetzt die Kurve nicht kriegt, wird er für zwei Jahre weggesperrt. Diese letzte, der Vorsitzende Richter sagte allerletzte Chance, gewährt das Schöffengericht in Rheine nach langer Beratung einem jungen Emsdettener.

Von Hans Lüttmannund

Wenn er jetzt die Kurve nicht kriegt, wird er für zwei Jahre weggesperrt. Diese letzte, der Vorsitzende Richter sagte allerletzte Chance, gewährt das Schöffengericht in Rheine nach langer Beratung einem jungen Emsdettener. Einen großen Anteil an dem milden Urteil aber hat der Verteidiger des 20-Jährigen.

Nachdem die Staatsanwältin zuvor eine zweieinhalbjährige Haftstrafe gefordert hatte, verwies der Anwalt auf einen Kernpunkt des Jugendstrafgesetzes, in dem es um Erziehung und nicht um Strafe gehe: „Wo man echt versaut wird“, sagte er, „das ist doch im Bau.“

Bevor im Januar vergangenen Jahres ein Streit in Saerbeck eskalierte und schließlich gar ein Messer gezückt wurde, war es wohl immer mal wieder zum Zank zwischen dem Grevener Kumpel des Emsdetteners und dem Saerbecker gekommen; der Grevener soll dem die Freundin ausgespannt haben.

Irgendwann später stand der Gehörnte mit seinen Kumpels vor dem Haus des Greveners und drohte. Tags drauf, jetzt kommt der Kern der Geschichte, zog der Grevener mit seinem Emsdettener Freund nach Saerbeck, „um einiges zu besprechen“, wie er sagte.

Aus dem geplanten Gespräch wurde schnell eine Rangelei zwischen den beiden ungebetenen Gästen, dem Saerbecker und dessen Vater, der sich mit seiner um den Arm gewickelten Motorradjacke gegen die versuchten Messerangriffe des Emsdetteners wehrte und ihm schließlich einige Platzwunden am Kopf bescherte, die später im Krankenhaus behandelt werden mussten.

Beide damals 19-Jährigen sind alles andere als zimperliche Chorknaben: Der Grevener, wegen Körperverletzung und Beleidigung schon mal angeklagt, hatte via Instagram einige Hassmails gepostet, in denen er eine junge Frau als „Nazi-Schlampe“ beschimpfte, „die vergast gehört“. (Der Angeklagte, der sich jetzt dafür entschuldigte, ganz kleinlaut: „Ich dachte, im Internet bin ich anonym.“) Der Emsdettener, der sich während der über dreistündigen Verhandlung immer mal wieder eine Träne wegwischte, steht noch unter laufender Bewährung, bei dessen Verstoß ihm eineinhalb Jahre Haft drohen: Er hatte einem Schüler, der mit Mutters Rolex angeben wollte, die 9000 Euro teure Uhr geraubt und aus einem Auto mehr als 7000 Euro Bargeld gestohlen. Außerdem ließ er sich mindestens dreimal mit illegalen Drogen erwischen.

Das Schöffengericht brauchte lange, um zu seinen Urteilen zu kommen, hörte davor auch noch die Berichte der Jugendgerichtshilfe, ließ den Vater des Emsdetteners zu Wort kommen, der einen Ausbildungsplatz für seinen Sohn in Aussicht stellte und gab dem Grevener auf, zur Antiaggressionsberatung zu gehen und 50 Sozialstunden abzuleisten.

Der Emsdettener muss zur Drogenberatung, eine wie auch immer geartete Struktur in sein Leben bringen und vor allem: absolut straffrei bleiben. „Sollte mir auch nur eine klitzekleine Kleinigkeit zu Ohren kommen“, mahnte zum Schluss der Richter, „dann geht es ab nach Herford.“

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