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„Spontanhilfe Ukraine“ über die Situation der Flüchtlinge und erste finanzielle Unterstützung

„Die allermeisten sind traumatisiert“

Saerbeck

Vor Ort schnell und unbürokratisch helfen – mit diesem Ziel gründeten 15 Saerbecker Firmen vor ein paar Wochen die Initiative „Spontanhilfe Ukraine“. In einem ersten Schritt finanzierte diese bereits die Anschaffung von Lehrbüchern für einen Deutschunterricht. Hierüber und über die Situation der Menschen, die vor dem russischen Angriffskrieg aus ihrem Heimatland flohen, haben wir mit Aktiven gesprochen.

Von Katja Niemeyer

Bücher für einen Deutschunterricht finanziert: Günter Leugers, Christoph Greten und Anika Tholl (Sprecherin des Beirats für allgemeine Flüchtlingsfragen der Gemeinde) von der der Initiative „Spontanhilfe Ukraine“. Foto: Katja Niemeyer

Vor Ort schnell und unbürokratisch helfen – mit diesem Ziel gründeten 15 Saerbecker Firmen vor ein paar Wochen die Initiative „Spontanhilfe Ukraine“. In einem ersten Schritt finanzierte diese bereits die Anschaffung von Lehrbüchern für einen Deutschunterricht. Hierüber und über die Situation der Menschen, die vor dem russischen Angriffskrieg aus ihrem Heimatland flohen, haben wir mit Christoph Greten (Maschinenbau Greten), dem Vorsitzenden der Initiative, Günter Leugers (Hugro GmbH), und mit Anika Tholl (Marketingmanagerin von Hugro), Sprecherin des Beirats für allgemeine Flüchtlingsfragen der Gemeinde und zweite Vorsitzende der Initiative, gesprochen.

Herr Greten, Sie haben die Hilfsaktion initiiert. Welche Idee steckt dahinter?

Greten: Angesichts der Bilder von dem Krieg in der Ukraine habe ich gedacht, dass man etwas tun müsse. Anstatt einer großen Organisation Geld zu spenden, gefiel mir der Gedanke, direkt vor Ort zu helfen. Ich habe dann zuerst einige Unternehmer hier am Welps Esch angerufen, die spontan ihre Unterstützung zugesagt haben. Und so kam der Stein ins Rollen.

Von der Idee bis zur Gründung der Initiative vergingen nur wenige Wochen. Wie haben Sie das geschafft?

Leugers: Genaugenommen brauchten wir nur drei Wochen. Als Unternehmer sind wir es gewohnt, schnell zu reagieren. Das ist unser tägliches Business.

Können auch Privatleute Mitglied werden?

Leugers: Nein, das ist nicht vorgesehen.

Nach welchem Modell wird gespendet?

Greten: Jeder Unternehmer überweist einen Mitgliedsbeitrag, wobei jeder die Höhe selbst bestimmen kann.

Wieviel Geld ist bislang auf dem Konto eingegangen?

Leugers: Die Mitglieder des Vereins haben gemeinsam beschlossen, diese Zahlen nicht offenlegen zu wollen. Es kommt nicht auf die gesamte Höhe der Spenden, sondern auf die daraus resultierende Hilfe an.

Nehmen Sie auch Sachspenden entgegen?

Leugers: Nein, ausdrücklich nicht. Mit den Spendengeldern wollen wir vielmehr genau das finanzieren, was gerade benötigt wird. Als erstes haben wir 26 Deutschbücher für einen VHS-Kurs für Flüchtlinge aus der Ukraine finanziert, die in Saerbeck untergebracht wurden.

Frau Tholl, Sie sind nicht nur Marketingmanagerin bei Hugro, sondern auch Sprecherin des Beirats für allgemeine Flüchtlingsfragen der Gemeinde. Wie viele Flüchtlinge sind bereits in Saerbeck angekommen?

Tholl: Nach meinem aktuellen Wissensstand rund 50, darunter vor allem Mütter und 20 Kinder im Alter von zwei bis 17 Jahren. Die Älteren besuchen bereits die Saerbecker Schulen. Für die Kleinen ist aktuell aber leider kein Platz in den Kitas.

Und es sollen ja noch mehr kommen.

Tholl: Gerade am Wochenende ist eine Familie mit neun Kindern eingetroffen.

Reichen die Kapazitäten zur Unterbringung?

Tholl: Bislang ja. Die Gemeinde hat noch Häuser und Wohnungen zusätzlich zu den vorhandenen Flüchtlingsunterkünften angemietet. Und es gibt immer wieder Angebote von Bürgern, Flüchtlinge bei sich privat unterzubringen. Grundsätzlich ist das aber nicht ratsam.

Warum?

Tholl: Das ist eigentlich immer nur für ein paar Wochen tragbar. Und die Gemeinde möchte nicht, dass die Flüchtlinge schon nach kurzer Zeit wieder umziehen müssen.

Wie erleben Sie die Menschen, die ja Schreckliches durchgemacht haben und um das Leben ihrer Angehörigen und Freunde, die noch in der Ukraine sind, bangen?

Tholl: Meistens sind es ja Frauen, deren Männer und Söhne zu Hause für ihr Vaterland kämpfen. Natürlich haben sie schreckliche Angst um sie. Einige waren selbst in großer Gefahr. Ihre Busse wurden während der Fahrt aus dem Land bombardiert. Sie müssen sehr viel verarbeiten. Und zugleich vermissen sie ihre Heimat. Die allermeisten sind traumatisiert. Das zeigt auch ein Vorfall kürzlich auf der Kirmes in Ibbenbüren, die ich mit ein paar Frauen besuchte. Als in einem Kinderkarussell die Sirene eines Feuerwehrautos losging und sie nicht wussten, woher das Geräusch kam, zitterten sie am ganzen Körper.

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