1. www.wn.de
  2. >
  3. Münsterland
  4. >
  5. Saerbeck
  6. >
  7. „Früher wurde mehr geblinkt“

  8. >

Alfred Kowal hat seit 60 Jahren die Fahrlehrer-Erlaubnis

„Früher wurde mehr geblinkt“

Saerbeck

Wenn er sieht, wie parkende Autos auf dem Bürgersteig den Weg versperren, dann wurmt ihn das. Auch wenn einer nicht blinkt auf einer abknickenden Vorfahrtsstraße, dann wird das von Alfred Kowal registriert. Der Saerbecker weiß von Berufs wegen, wie man sich richtig verhält im Straßenverkehr. Er ist Fahrlehrer. Kürzlich überreichte ihm ein Vorstandsmitglied des Fahrlehrer-Verbandes Westfalen eine Ehrenurkunde, dafür, dass er seit 60 Jahren die Erlaubnis zum Unterrichten hat.

Von Katja Niemeyer

Anlässlich seines 60-jähriges Fahrlehrer-Jubiläums ehrte der Fahrlehrerverband Westfalen kürzlich den Saerbecker Alfred Kowal mit einer Ehrenurkunde. Foto: Katja Niemeyer

„Im Kreisverkehr nehmen wir die erste Ausfahrt.“ Routiniert gibt Alfred Kowal Anweisungen während der kurzen Autofahrt von seinem Zuhause zu seiner früheren Arbeitsstätte. Dass die Frau von der Zeitung dort, wo die Vorfahrtsstraße einen Knick macht, es versäumt hatte, einen Blinker zu setzen, das erwähnt er später im Gespräch ganz nebenbei. Es war dem 83-Jährigen sofort aufgefallen. „Einmal Fahrlehrer, immer Fahrlehrer“, sagt er lachend. „Das ist ein Lebensberuf.“

Seit 60 Jahren ist Alfred Kowal im Besitz der Fahrlehrer-Erlaubnis. Neulich klingelte deshalb ein Vorstandsmitglied des Fahrlehrerverbandes Westfalen bei dem Saerbecker. Der Mann überreichte eine Urkunde, die nun eingerahmt im Arbeitszimmer des Geehrten einen besonderen Platz bekommen soll.

Fast 60 Jahre ist es her, dass Alfred Kowal in Greven seine erste Fahrschule übernahm. Bald eröffnete er weitere Schulen in Reckenfeld und zuletzt in Saerbeck. Der Betrieb lief, der Saerbecker stellte einen Fahrerlehrer ein und dann noch einen. 6000 Schülern brachte er im Lauf der Jahrzehnte das Fahren bei, übte mit ihnen Einparken, Schulterblick und Verkehrsregeln. Seine älteste Kundin war 68. „Ihr Mann hatte gemeint, dass sie den Führerschein machen sollte, damit sie auch nach seinem Tod noch zu ihrem Ferienhaus in die Hüttruper Heide fahren konnte“, erinnert sich Alfred Kowal. Die Frau erwies sich als gelehrig. Den „Lappen“ hatte sie schon bald in der Tasche. Sein zweitältester Schüler war 67. „Der kam zu mir mit den Worten, dass er nur eine Erlaubnis für die tägliche Fahrt von seinem Haus in Reckenfeld zur damaligen Grevener Baumwollspinnerei benötigen würde.“ Alfred Kowal klärte ihn auf: „So einen Führerschein gibt es nicht“, habe er gesagt – und den Mann ganz regulär ausgebildet.

1993 setzte er sich zur Ruhe, aus gesundheitlichen Gründen, wie er sagt. „Nach dem vierten Schleudertrauma, das ich nach einem Auffahrunfall erlitt, war Schluss“, sagt der gelernte Autoschlosser, der jetzt viel Zeit hat, um seinem Hobby, dem Reparieren von Mopeds und Rollern, zu frönen. Die Schulen in Saerbeck und Greven übernahm Klaus Milbratz, ein ehemaliger Angestellter.

Auch wenn er noch die Erlaubnis dazu hätte, unterrichtet Alfred Kowal schon lange nicht mehr. Ganz selten macht er eine Ausnahme. So wie vor einiger Zeit, als sich eine ältere Frau bei ihm meldete, die sich nach 30 Jahren erstmals wieder hinters Steuer setzen wollte. Der Ruheständler nahm auf dem Beifahrersitz Platz, sprach ihr Mut zu, wies auf neue Regeln hin – und musste nur einmal für sie kräftig auf die Bremse treten, als sie im Eifer des Gefechts eine rote Ampel übersah.

Als er Anfang der 1960-er Jahre mit dem Unterrichten begann, da war der Verkehr noch nicht so dicht wie heute. Da standen weitaus weniger Schilder am Straßenrand. Und da startete er mit seinen Schülern auch noch nicht zu Überland-, Autobahn- und Nachtfahrten. Begabte Schüler führte Alfred Kowal in drei Fahrstunden zur praktischen Prüfung, weniger Talentierte benötigten zwölf Termine. Bei der Ausbildung sei er systematisch vorgegangen. Auf einer grünen Karteikarte vermerkte er akribisch die Fortschritte des jeweiligen Schülers. Wie klappt das Anfahren? Wie verlässlich schätzt er die jeweilige Geschwindigkeit ein? Wie gut wechselt er die Spur und wendet das Fahrzeug?

Nach der Ausbildung, sagt er, hätten fast alle Schüler beim ersten Mal die Prüfung bestanden. Im Jahr 1980, das weiß Alfred Kowal noch genau, sei gar niemand durchgefallen.

Mit dem zunehmenden Verkehr, neuen Regeln und Schildern stiegen die Anforderungen. „Damals gab es nur wenige Verkehrszeichen. Da ging es darum, sie zu erkennen und dann auch zu beachten“, erzählt er. So manche Fahrfehler würden aber früher wie heute begangen. Noch immer wurmt es ihn, wenn er sieht, wie parkende Autos auf Bürgersteigen den Weg versperren. Wie die Rechts-vor-Links-Regel an Kreuzungen missachtet wird und wie Autofahrer zu dicht an Radfahrern vorbeirauschen. Und wie offensichtlich so gut wie niemand den Blinker betätigt, wenn er sich auf einer abknickenden Vorfahrtsstraße bewegt. Und überhaupt: „Früher wurde eindeutig mehr geblinkt.“ Auch für eine defekte Beleuchtung hat Alfred Kowal kein Verständnis. Die Lichter an seinem eigenen Pkw prüft er regelmäßig selbst. Ebenso wie die Bremse.

Wenn es nach ihm gehen würde, müssten sich Autofahrer ab 70 regelmäßig von einem Arzt untersuchen lassen, um festzustellen, ob sie ihr Fahrzeug noch sicher durch den Verkehr lenken können. Er selbst sei noch fit. Als zugelassener Fahrlehrer erfahre er nach wie vor quasi aus erster Hand von neuen Verkehrsregeln. So wie er einst schon frühzeitig von der Anschnallpflicht erfuhr, die in Deutschland am 1. Januar 1976 eingeführt worden war. Damals hätten sich einige Gegner zu Wort gemeldet. „Sie sahen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt“, erläutert er.

Im Grunde genommen, ergänzt er gedankenverloren, „ist das heute nicht anders mit den Impfgegnern. Unter denen sehen einige offensichtlich auch ihre Freiheit gefährdet.“

Startseite
ANZEIGE