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In der Sakristei gibt es einen Schalter für Karfreitag

Als die Glocken nach Rom flogen

Borghorst

Karfreitag sind die Glocken stumm. Früher hieß es, sie sind nach Rom geflogen. Die technische Lösung für das Schweigen ist eine ganz andere. Küster Peter Timmerhues hat es in der Hand.

Axel Roll

Küster Timmerhues unter der größten, der Salvator-Glocke. Vorher hat er die Startautomatik natürlich ausgeschaltet. Foto: Axel Roll

Als Opa und Oma klein waren, erzählten ihnen ihre Eltern, warum heute, also am Karfreitag, die Kirchturmglocken Pause haben: Sie waren nach Rom geflogen, um sich vor Ostern den Segen vom Papst abzuholen. Der wahre Grund für die festliche Ruhe ist natürlich ein anderer: Als Ausdruck der Trauer um den Tod Jesu schweigt das Geläut in den christlichen Gemeinden, um in der Osternacht beim Gloria mit vollem Einsatz die Auferstehung zu feiern. Damals, zu Großelterns Zeiten, war das Läuten noch Handarbeit – und somit hatten die Glöckner kurz vor dem höchsten Christenfest einen Tag Pause. Heute muss Küster Peter Timmerhues in der Sakristei nur einen kleinen, grauen Schalter herunterdrücken, der passenderweise Karfreitagsschalter heißt, und schon ist das Himmelsgebimmel von St. Nikomedes stumm geschaltet. „Ganz moderne Anlagen werden mittlerweile per App gesteuert“, weiß Timmerhues von Kollegen, die den Glockenturm ihrer Gemeinde vom Bett aus lahm legen können.

Technik im Kasten

Im Schaltkasten nebenan schlägt das Herz der Glockentechnik. Über kleine Tasten kann Peter Timmerhues hier festlegen, wann die zum Teil über 500 Jahre alten Bronzeglocken die Gemeinde rufen. „Alle regelmäßigen Gottesdienste sind dort eingespeichert“, erläutert der Küster, der aus seinem Vorleben als Eigentümer eines Radio- und Fernsehgeschäfts eine Menge technischer Vorkenntnisse mitbringt. Das dreimalige Läuten am Tag, das Laudes am Morgen um sieben, am Mittag um zwölf die Sext und am Abend wieder um sieben zur Vesper, sind sowieso gesetzt. „Beerdigungen, Hochzeiten oder Silvester werden von Hand geschaltet“, so der Küster.

Silvester in voller Lautstärke

Man kann es kaum glauben: Aber Corona hat auch diese alten Läute-Traditionen durcheinandergewirbelt. Peter Timmerhues: „Während der ersten Zeit hatten wir zahlreiche Sonderveranstaltungen oder Gedenken, zu denen die Glocken am Abend geläutet haben.“ Eine angenehme Erfahrung:  „Silvester war zum ersten Mal der ehrwürdige Sechsklang richtig deutlich zu hören.“ Das Geballer auf den Straßen hatte bekanntlich Zwangspause.

Auch wenn die nicht mehr ganz so taufrische Elektrik den (Läute)Laden fast alleine schmeißt – der Küster muss trotzdem regelmäßig die 110 engen Stufen der steinernen Wendeltreppe im Turm hochstapfen und im Anschluss noch eine lange Leiter hochkrabbeln, um bei den Glocken nach dem Rechten zu sehen. Auf rund 50 Meter hängen sie. „In einem eigenen Turm aus Eichenholz, der vom Kirchturm entkoppelt ist“, wie Timmerhues weiß. Die älteste Glocke stammt aus dem alten Borghorster Damenstift und ist schon über 500 Jahre alt. Sie wurde drei Jahre vor dem Beginn des 30-jährigen Krieges gegossen. Das dickste Ding ist die Salvator-Glocke mit einem Durchmesser von 1,40 Metern. Hier krabbelt Peter Timmerhues auch schon mal drunter, um die Aufhängung des Klöppels zu kontrollieren. Natürlich ist dann der Karfreitagsschalter umgelegt. Das könnte sonst ins Auge gehen. . .

Zum Einschmelzen in Hamburg

In Rom sind die Glocken noch nie gewesen. Allerdings schon mal in Hamburg. Dort hätten die Nazis im Jahr 1942 fast kurzen Prozess gemacht und aus den klingenden Kunstwerken Kanonen gegossen. Dazu kam es glücklicherweise nicht. Und so stand das Oktett, – neben den sechs im, hängen noch zwei Uhrenglocken draußen am Turm – am 24. Juli 1947 plötzlich wieder wohlbehalten vor der Tür. In der Zwischenzeit hatten sich die Borghorster mit einem Glöcklein beholfen, das jetzt noch ein Stockwerk höher im Turm steht. „Kriegsglocke“ ist mit Kreide drauf geschrieben.

Pünktlichkeit ist natürlich oberste Glockenpflicht. Darum verlassen sich die beiden Uhrenglocken auf die Atomuhr in Braunschweig, die per Funk zugeschaltet ist. Also keine Sorge, morgen Abend zum Gloria sind die Glocken wieder dabei – und nicht in Rom.

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