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Laumann bleibt skeptisch

Alternative zum Pflege-TÜV?

Mettingen/Kreis S...

Ein „Ergebnisorientiertes Qualitätsmodell“ möchte der Diözesancaritasverband Münster und die Bundeasrbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Karl-Josef Laumannn schmackhaft machen. Doch der Pflegebeauftragte der Bundesregierungg ist skeptisch. Vorrang hat für ihn derzeit die Einführung einer vereinfachten Dokumentation, denn „da feiert der Wahnsinn Triumphe“.

Achim Giersberg

Karl-Josef Laumann guckt skeptisch und er wirkt ein bisschen gereizt. Ob Dr. Klaus Winterkamp, Vorsitzender des Caritasverbandes für die Diözese Münster oder Dr. Gerhard Timm, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) oder Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO-Bundesverbandes – sie und all die anderen Altenpflege-Fachleute im Sitzungssaal der Mettinger Geriatrischen Reha-Klinik wollen dem Pflegebeauftragten der Bundesregierung etwas „verkaufen“: Das Modellprojekt „Erlebnisqualität Münster“, kurz EQMS. Es will eine Alternative zu den Pflegenoten sein, will gute Pflege erkennbar machen, ohne Noten zu vergeben, will die Pflege-Mitarbeiter neu motivieren. Derzeit wird es freiwillig in 110 Altenheimen unter Projektleitung des Diözesanverbandes erprobt – mit gutem Erfolg, wie alle versichern.

Döcker, eine der Mitinitiatorinnen des Projekts, erklärt worum es geht: Die Pflege sei leider oft nur Thema, wenn es um Skandale gehe. Jeder dritte Pflegefall, so hatte einst BILD geschrieben, bekomme zu wenig zu essen und zu trinken. In Wahrheit aber hätten die Prüfer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, MDK, lediglich Mängel in der Dokumentation festgestellt – und eben nicht eine tatsächliche Unterernährung bei den Menschen. EQMS wolle die Qualität der Pflege dagegen am Menschen selbst feststellen und nicht an der Qualität der Dokumentation. Das, so stimmen ihr die Experten zu, sei das eigentliche Problem des heutigen Pflege-TÜV. Eine Einrichtung mit guter Note könne deshalb trotzdem schlecht sein und umgekehrt.

Dr. Klaus Wingenfeld von der Uni Bielefeld hat den neuen Ansatz entwickelt. Alle Bewohner würden einbezogen und eben nicht nur Stichproben gemacht. Halbjährliche Befragungen der Bewohner und der Angehörigen seien zentrale Elemente; erfasst würden außerdem Indikatoren, die die Mobilität, die Selbstständigkeit sowie die kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten der Bewohner aus Sicht der Mitarbeiter bewerten. Statt aus Noten soll die Qualität einer Einrichtung aus dem Vergleich untereinander ersichtlich werden.

Laumann bleibt skeptisch. Der Staat, so stellt er mehrmals klar, habe die Pflicht, Heimeinrichtungen zu kontrollieren. Und er lenkt den Blick auf andere Aspekte: Die Hälfte der Altenheimbewohner sterbe in den ersten sechs Wochen nach Einzug: „Wie weit sind wir noch vom Hospiz weg?“. Erste Priorität für ihn habe derzeit die flächendeckende Einführung einer vereinfachten Pflegedokumentation, die die Ombudsfrau zur Entbürokratisierung der Pflege, Elisabeth Beikirch, entwickelt habe. Dazu brauche er „alle Ressourcen“. Denn die derzeit praktizierte hochbürokratische Dokumentation der Pflegeleistungen sei ein Bereich „Wo der Wahnsinn Triumphe feiert“. Er habe erlebt, dass sogar erfasst werde, wie oft ein Patient lache.

Wie eine neue Transparenzprüfung, auch Pfleg-TÜV genannt, aussehen könne, sei eine Frage, die sich für ihn erst später stelle. Ohnehin sei schwer messbar, ob sch ein Mensch in einer Einrichtung wohl fühle. Letztlich müsse Altenpflege Bestandteil der öffentlichen Infrastruktur werden, und transparent „wie Kindergärten“.

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