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Feuerwehr hat unter Pandemiefolgen stark zu leiden

Ausbildung auf Sparflamme

Steinfurt

Alle Abteilungen der Steinfurter Feuerwehr sind von der Pandemie in Mitleidenschaft gezogen worden. Die praktische Ausbildung hat besonders gelitten, die Folgen sind noch über Jahre spürbar.

Von Axel Roll

Praxisausbildung wird bei der Feuerwehr groß geschrieben. Durch die Pandemie konnte sie so gut wie gar nicht stattfinden. Die Folgen sind immens. Foto: Drunkenmölle

Wenn bei der Feuerwehr die Ausbildung auf Sparflamme brennt, besser gesagt brennen muss, kann das auf Dauer nicht gut gehen. Die Freiwilligen der Steinfurter Wehr waren über viele Monate dazu verdammt, die Hände in den Schoß zu legen. Unterricht fand fast ausschließlich in der Theorie zu Hause am Bildschirm statt. „Praxis steht bei uns aber ganz weit vorne“, betont Stadtbrandinspektor Dirk Telgmann. Die konnte in den letzten Monaten nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel zur Inbetriebnahme der neuen Drehleiter im Burgsteinfurter Löschzug, durchgeführt werden. Und dann nur unter strengsten Hygienemaßnahmen. Die Folgen sind nach Einschätzung von Dirk Telgmann weitreichend. Selbst wenn nach der Sommerpause die Gruppen- und Löschzugabende wie gewohnt zweimal im Monat stattfinden können – die Auswirkungen der Pandemie werden sich noch über Jahre in der Feuerwehr bemerkbar machen.

Ein krasses Beispiel sind die Lehrgänge für die Führungskräfte, die in der Regel beim Feuerwehrinstitut in Münster stattfinden. Um die zehn Steinfurter gehen dort jährlich in die Schule. „Die während der Corona-Zeit gebuchten Kurse sind alle ersatzlos gestrichen“, erläutert der Feuerwehrchef. Mit der Folge, dass sich die Kameraden wieder hinten anstellen und mitunter lange auf die Lehrgänge warten müssen. Ohne die Module gibt es aber keine Beförderung – Plätze in der Steinfurter Führungsriege bleiben mitunter vakant.

Oder die Anwärter, die darauf warten, als vollwertiges Mitglied in die Feuerwehr aufgenommen zu werden. „Die haben sich noch keine heißen Ohrläppchen holen können“, sagt der Stadtbrandinspektor. Was bedeutet, dass die realitätsnahe und darum so wichtige Übung in einem Brandcontainer bislang auf unbekannte Zeit verschoben werden musste. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Steinfurter Wehr 16, in diesem Jahr 15 Anwärter.

Die Praxis ist auch für die Aktiven in beiden Löschzügen eineinhalb Jahre zu kurz gekommen, bedauert Dirk Telgmann. Die Einsatzbereitschaft hat noch nicht merklich gelitten. Ein ganz wichtiger Faktor, ohne den das Ehrenamt nicht funktioniert, ist trotzdem zu kurz gekommen: der Spaß an der Arbeit. „Wir sind in diesem Bereich genauso betroffen wie jeder andere Verein auch“, betont der Feuerwehrchef. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Wenn es bei der Wehr nicht klappt, sind mitunter Menschenleben in Gefahr. Spaß, das bedeutet nicht nur das Bierchen oder die Cola nach Übungsende, sondern das Bedienen und Beherrschen von hochkomplexer Technik. Einen weiteren Aspekt einer Wehr im Dornröschenschlaf kann Dirk Telgmann im Augenblick noch gar nicht überblicken: Bleiben alle Kameraden an Bord? Oder springen welche ab, weil sie gemerkt haben, dass es auch ein Leben ohne Uniform gibt? Vor dem Hintergrund, dass die Wehr in Steinfurt noch gut und gerne ein paar Freiwillige vertragen könnte, wäre dieser Aderlass fatal.

Corona hat übrigens nicht nur die Aktiven an vorderster Front in die Zwangspause geschickt. Musikzug, Ehrenabteilung, Brandschutzerziehung in Kindergärten und Schulen sowie auch die Jugendfeuerwehr, die den Nachwuchs für die Erwachsenen-Feuerwehr liefert, sie alle waren zum Nichtstun verdonnert.

Nach der Sommerpause, wenn es keine vierte Welle gibt, kann es wieder Übungen in großem Rahmen geben. „Bis zu 100 Teilnehmer sind dann erlaubt“, hofft der Stadtbrandinspektor auf Normalität. Derweil macht sich Corona immer noch im täglichen Einsatzgeschehen bemerkbar. Bis vor kurzem waren die Fahrzeuge beim Ausrücken nur zur Hälfte besetzt. Jetzt sind alle Mann an Bord, aber mit Maske.

Vom Super-GAU, die Feuerwehr als nicht einsatzbereit zu melden, sind die Steinfurter verschont geblieben. Sechs Corona-Infektionen hat es im Umfeld der Feuerwehr gegeben. „Inzwischen sind alle Aktiven durchgeimpft“, freut sich Telgmann. Bis vor Kurzem hat es vor jeder Zusammenkunft, egal, welcher Art, einen Test gegeben. Die Mitglieder der Löschzüge trugen auch schon Mundschutz, als andere noch darüber gelacht haben. „Die ersten Masken hat damals mein Vorgänger Bernhard Pohl für uns genäht“, erinnert sich der Feuerwehrchef. In einem Punkt hat aber auch er sich gründlich verkalkuliert: „Als wir die Jahreshauptversammlung im März 2020 absagen mussten, habe ich sofort einen Ausweichtermin anberaumt.“ Und der lag im April. 2020.

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