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Besondere Musiksaison im Bagno mit Daniel Ottensamer eröffnet

Eine Sternstunde der Klangzauberei

Burgsteinfurt

In den Genuss eines ganz besonderen Konzerts kamen die Besucher der Bagno-Galerie am Samstagabend zum Saisonstart in Burgsteinfurt. Trotz coronabedingter Einschränkung und zeitlicher Straffung erlebten die Zuschauer eine Sternstunde anspruchsvoller Musik.

Hans Lüttmann

Es war ein Konzert unter Corona-Bedingungen, dennoch war es nicht zuletzt dank Daniel Ottensamer (kl. Bild) eine Sternstunde für Freunde anspruchsvoller Musik. Foto: Hans Lüttmann

Die Klarinette ist ein sonderbares Instrument: Ihr Tonumfang ist der größte aller Blasinstrumente und theoretisch nach oben unbegrenzt. Ihre Dynamik reicht von kaum noch zu hören bis „nach mir nur noch die Tuba“. Ihr Klangverhalten mäandert zwischen mehreren Persönlichkeiten von mysteriös bis schrill. Vor allem aber ist die Klarinette eines: das wandlungsfähigste Mitglied der Bläserfamilie.

Mozart war der erste große Komponist, der das unergründliche Potenzial der Klarinette erkannte und eine Ewigkeitspartitur ersann, die noch immer als eines der größten Konzerte gilt, das je für ein Instrument geschrieben wurde. Heute kann die Klarinette fast alles: von Klassik bis Klezmer, von Folk bis Jazz, von Musical bis Filmmusik.

So weit das musiktheoretische Präludium, jetzt zu einem neuerlichen Triumph dieses wundersam beeindruckenden Instruments, mit dem am Samstag eine besondere Musiksaison im Bagno eröffnet wurde. Die mit Krzysztof Pendereckis Sinfonietta begann, ein etwas sperriges „Stück im alten Stil“ (Penderecki), das vom Geist des Barock umweht ist und gleich zu Beginn dem zwölfköpfigen Mendelssohn Kammerorchester Leipzig und vor allem dem Star des Abends, Daniel Ottensamer, ein gehöriges Maß an sensibler Zusammenarbeit – und technischer Fertigkeit – abverlangte.

Und auch dieses Werk ist durchdrungen von den Gaben und Gegensätzen, die Pendereckis Musikschaffen so einzigartig machen. Penderecki, der Vorbote der modernen ernsten Musik und zugleich Virtuose der populären Vermarktung, war ein Pionier der Sakralmusik und gleichzeitig Komponist der Musik von Horrorfilmen wie „Shining“ oder „Der Exorzist“.

Zu Beginn des Konzerts zeigte Prof. Matthias Schröder nicht ohne Stolz das Gästebuch, in das sich Krzysztof Penderecki bei seinem Besuch 2006 im Bagno eingetragen hat; und bedankte sich bei Musikern und Zuhörern, die gleichsam ihren Beitrag dazutun, um in diesen schweren Zeiten den Spielbetrieb in der Konzertgalerie, so gut es eben geht, aufrechterhalten. Im Gegensatz zu vielen anderen Konzertbetrieben habe es in Burgsteinfurt nicht eine einzige Abo-Kündigung gegeben. Schröder: „Das macht uns dankbar und zuversichtlich zugleich.“ Masken, Inselbestuhlung, Reduzierung des Programms auf eine Stunde und dafür zwei Aufführungen nacheinander bildeten die corona-konforme Begleitmusik zu diesem Auftakt.

Der vor allem von der philharmonischen Klangzauberei Daniel Ottensamers lebte, der seiner Klarinette ganz offensichtlich grenzenlose Möglichkeiten zutraut und dem Publikum zumutet, auch über vielleicht sattsam bekannte Werke wie Carl Maria von Webers Quintett noch in andächtiges Staunen zu verfallen. Der charmante Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker meistert nicht nur mühelos Webers kompositorische Sprunghaftigkeit, er lässt in diesem quirligen, sehnsuchtsvoll-romantischen Werk virtuose Fontänen sprudeln, wahrhaftig atemberaubende Laufkaskaden perlen und verzaubert mit einem so innig berührenden Ton, dass einem beinahe das Herz stehenbleibt.

Im Mittelteil des Konzerts spielten die Streicher aus Leipzig – ganz ohne Klarinette – Felix Mendelssohn Bartholdys jugendlichen Geniestreich: die Sinfonie Nr. 7, die er als Zwölfjähriger geschrieben hat und schon Mendelssohns außergewöhnliche Begabung durchblitzen lässt. Und hier spürte man, dass die Musiker bei ihrem Namensgeber zu Hause sind, so selbstsicher, zupackend und mitreißend spielten sie das viersätzige Stück mit diesem im wieder gerne gehörten „Andante amorevole“.

Auch ohne Zugabe, coronabedingter Einschränkung und Straffung auf ziemlich genau 60 Minuten war das Auftaktkonzert wieder eine Sternstunde für Freunde anspruchsvoller Musik.

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