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Burgsteinfurter Familie Technau lebt seit einem Jahr autofrei

Es geht auch ohne!

Burgsteinfurt

Familienalltag auf dem Land ohne Auto? Die Familie Technau aus Burgsteinfurt zeigt, dass das möglich ist, ohne sich allzu sehr einschränken zu müssen. Die Entscheidung fiel vor einem Jahr – und ist nicht bereut worden.

Von Ralph Schippersund

Statt mit dem Auto bewältigt die Familie Technau ihren Familienalltag zu einem Großteil mit dem Fahrrad – im Bild das Lastenrad (ohne E-Antrieb!), das nicht nur zum Einkaufen genutzt wird. Foto:

Mehr Bewegung, weniger Kosten, mehr Umweltschutz – die Vorteile des Lebens ohne Auto liegen auf der Hand. Und doch trennen sich die wenigsten von ihrem fahrbaren Untersatz. Vor allem auf dem Land gehört schon eine gehörige Portion Idealismus dazu, diesen Schritt zu gehen. Die Familie Technau aus Burgsteinfurt hat ihn getan: Seit genau einem Jahr bewältigen Kristina und Johannes Technau und ihre Töchter Mathilda und Hella ihren Familienalltag ohne Auto – und zeigen damit: Es geht auch ohne!

„Es erfordert schon Kompromisse – vor allem, was den Aufwand der Organisation anbelangt, wenn man Alternativen wie Bus, Bahn oder Car-Sharing nutzt“, räumt Mutter Kristina Technau ein. Auf der anderen Seite stünden die positiven Umwelt- und Gesundheitsaspekte und die Entschleunigung, die man im Alltag hat, berichtet die 42-Jährige. Und, nicht zu vergessen: „Unsere beiden Kinder ziehen bei der Sache voll mit.“

Die Entscheidungsfindung vor genau einem Jahr, künftig ohne Auto auszukommen, fiel den Technaus eher leicht: Auslöser war ein Jobwechsel von Vater Johannes, der es ihm erlaubte, 90 Prozent seiner Arbeitszeit im Homeoffice des Hauses am Kohlstrunk zu verbringen. Da sei es relativ einfach gewesen, den bisherigen Dienstwagen abzugeben, berichtet seine Ehefrau.

Seitdem radeln die Technaus zu ihren täglichen Terminen im Ort und benutzen bei weiteren Anreisen entweder die Bahn oder das Car-Sharing. Praktisch, dass sowohl das Stadtteilauto an der FH als auch der Bahnhof ganz nah an der Wohnung sind. Durchschnittlich ein Mal pro Woche wird jedes der genannten Angebote genutzt.

Im Alltag kommt neben den normalen Fahrrädern – jedes Familienmitglied hat ein eigenes Rad, dazu gesellen sich noch ein Faltrad und die drei Mountainbikes des Familienvaters – auch ein Lastenrad zum Einsatz. Die Töchter Hella und Mathilda kennen die „Bakfiets“ aus niederländischer Produktion mit dem großen Transportvorbau schon seit Kindergartenzeiten und fahren sie mittlerweile schon selbst.

Für sie sei das Radfahren selbstverständliche Alltagsmobilität, sagt Kristina Technau, die bei ihren Sprösslingen auch schon eine Wahrnehmungsveränderung beobachtet hat. „Sie gehen ziemlich kritisch mit Automobilität um“, hat sie beispielsweise beobachtet, dass die Töchter Autofahrer, die ihren Wagen dazu benutzen, um Brötchen beim Bäcker nebenan zu kaufen, gar nicht mögen.

Entgegen kommt den Technaus bei ihrem jetzt seit einem Jahr andauernden autofreien Leben die gute Infrastruktur in Steinfurt. Sie freuen sich, dass neben der guten Bahnanbindung und dem annehmbaren Busangebot auch zunehmend der Fokus auf die Verbesserung der Radwege gelegt wird. Die neue Fahrradstraße Nünningsweg gehört beispielsweise zu den Lieblingsstrecken der Töchter. Die Wege durchs Bagno sind ihnen zu uneben.

Für Kristina Technau bedeutet Rad- statt Autofahren auch Ausgleich von ihrem Job bei „Lernen fördern“. Als einen weiteren Vorteil nennt sie die Kontaktmöglichkeiten zu anderen Radlern und Spaziergängern, die man unterwegs knüpfen kann. Das gehe hinter der Windschutzscheibe eher nicht.

Und wie hat das Umfeld auf das Projekt „Autofrei“ reagiert? „Überwiegend fand man es cool“, sagt Kristina Technau. Aber es habe durchaus auch kritische Stimmen gegeben. „Was ist im Notfall? Seit ihr da nicht zu langsam ohne Auto?“ Solche und ähnliche Fragen seien vorgebracht worden. Die ließen die Technaus aber mit Verweis auf Handys und ein gut ausgebautes Rettungssystem nicht gelten.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Entscheidung contra Auto habe auch das Vorbild anderer gespielt, sagt Kristina Technau und nennt Beispiele aus der Nachbarschaft sowie von der Arbeitsstelle. „Es gibt Bekannte, die sind schon 20 Jahre autofrei.“

Nachrangig sei hingegen die finanzielle Aspekt gewesen. Ja, es sei ein Einspareffekt zu verzeichnen, allerdings gebe die Familie monatlich auch rund 300 Euro für Mobilität aus. Dann geht es mit der Bahn zu Freunden nach Münster oder in den Urlaub. Den hat die Familie aber auch schon mit Fahrrädern gemacht: In Haddorf im dortigen Ferienpark mit Tagesausflügen in die nähere Umgebung.

Ihr abschließender Rat an andere Umstiegswillige: Über die Gewohnheiten nachdenken, sich von vermeintlichen Zwängen verabschieden und nachmachen! Wenngleich den Technaus natürlich klar ist, dass die Umstände passen müssen. So wie bei ihnen!

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