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Landschulmuseum Sellen: Lehrer „Böserecht“ Heinz Epker legt Zeigestock in jüngere Hände

„Fräulein Hermine“ übernimmt

Burgsteinfurt

Er war als „Lehrer Böserecht“ eine Respektsperson durch und durch und hinterließ bei seinen „Schülern“, die teils sogar aus dem Ausland nach Sellen anreisten, bleibenden Eindruck: Elf Jahre lang schlüpfte Heinz Epker auf Wunsch von Besuchern des Landschulmuseums der Burgsteinfurter Bauerschaft in die Rolle eines gestrengen Lehrers der Kaiserzeit. Jetzt hat der 71-Jährige sein „Amt“ in jüngere Hände gelegt: Bettina Kolthoff alias „Fräulein Hermine“ beerbt ihn als Hobbypädagogin.

Von Ralph Schippersund

Paraderolle: Über elf Jahre verkörperte Heinz Epker im Landschulmuseum den „Lehrer Böserecht“, einen typischen Pädagogen der Kaiserzeit. Bettina Kolthoff (l.) ist seine Nachfolgerin. Foto: W. Sundermann

Er war als „Lehrer Böserecht“ eine Respektsperson durch und durch und hinterließ bei seinen „Schülern“, die teils sogar aus dem Ausland nach Sellen anreisten, bleibenden Eindruck: Elf Jahre lang schlüpfte Heinz Epker auf Wunsch von Besuchern des Landschulmuseums der Burgsteinfurter Bauerschaft in die Rolle eines gestrengen Lehrers der Kaiserzeit. Sein historischer Schulunterricht, wie er zum Ende des 19. Jahrhunderts gang und gäbe war, genoss außerordentliche Beliebtheit – auch weil jeder wusste, dass er nur gespielt war. An Authentizität fehlte es dem pensionierten Polizisten bei der Umsetzung der Lehrerfigur kaum: Auftritte fanden ausschließlich im edlen Gehrock, Nickelbrille und etwas Pomade im Haar statt – damit auch der Mittelscheitel der strenggekämmten Frisur perfekt saß. Jetzt legt der mittlerweile 71-Jährige sein Amt in jüngere Hände: Bettina Kolthoff alias Hermine Haberecht („Fräulein Hermine“) übernimmt den Zeigestock und hofft ihrerseits auf viele jüngere und ältere Schüler, die einen Einblick in den Schulunterricht zu (Ur-)Omas und (Ur-)Opas Zeiten erhalten wollen.

Ihr Vorgänger wird sicher in Erinnerung bleiben: Denn Heinz Epker liebte es, die Gäste des Landschulmuseums mit seinem Outfit zu überraschen. „Das gelang besonders, wenn den Besuchern zuvor die Teilnahme an einer historischen Schulstunde nicht angekündigt worden war“, blickt der frühere Schutzmann zurück. Besuchern, die nun eine humorvolle Bespaßung erwarteten, sei schnell klar geworden, dass der Schulunterricht vor rund 120 Jahren streng und autoritär war. Ja, sogar ein Züchtigungsrecht war den Lehrenden seinerzeit von der Obrigkeit eingeräumt worden. Wer sich Gehorsamsregeln widersetzte, durch Tätlichkeiten auffiel oder schlicht die Unwahrheit sagte, wurde mit Stockhieben bedacht.

Auch Lehrer „Böserecht“ machte von seinem Züchtigungsrecht Gebrauch, oder genauer gesagt, er setzte dazu an. Denn fest steht, dass niemals auch nur ein „Schüler“ Hiebe gespürt hat: Es kam stets etwas Unvorhergesehenes dazwischen... „In solchen Situationen kam dann doch wieder die Gegenwart ins Bewusstsein, dass die Veranstaltung nur eine Demonstration aus historischer Zeit war“, erinnert sich Epker lachend.

Überhaupt hatte der Spaß bei seinen Schulstunden immer mit im Vordergrund gestanden: So erinnert sich Epker daran, dass viele erwachsene Gäste sich erfolglos darum bemühten, auf den zum Teil noch originalen Schulbänken niederzulassen. Die waren nämlich der jeweiligen Körpergröße der Kinder angepasst und es gingen Schüler von der ersten bis achten Klasse in Sellen zur Schule. Bemerkenswert sei jedoch gewesen, dass Erwachsene gerne wieder Kind sein mochten und Sitzplätze der unteren Schulklassen anstrebten. Hingegen wünschten Schüler der Grundschulklassen als Besucher gerne älter zu sein und drängelten sich in den Schulbänken der älteren Klassen, so die Beobachtung von Epker.

Auch die vom Lehrer vorgenommenen neuen Namensgebungen hätten besonders bei Kindern für Vergnügen gesorgt. Passen doch aktuell gängige Vornamen nicht ins ausgehende 19. Jahrhundert. Um authentisch zu sein, mussten die Gäste da schon Änne, Josefa, Dina oder Trude und Jungen August, Kaspar, Otto, oder Johann heißen.

Ab und an gab‘s auch lob vom Magister: Dies geschah beispielsweise, wenn Kinder von Schulklassen sich der Zeit angepasst hatten und in historischer Kleidung erschienen. Hatten die Mädchen oder Frauen aber ihr Haar nicht zu Zöpfen geflochten, gab es wiederum Schelte. Des Weiteren erhielten sogenannte Petzer keine Vorteile, wie sie sie erhofften, sondern bei Gelegenheit ihr Fett zurück.

Das Erlebnis einer historischen Schulstunde endete stets damit, dass Lehrer Böserecht sich outete, nur Mime zu sein. Er gab seinen bürgerlichen Namen preis und erklärte, dass er selber acht Jahre als Schüler in diesen Schulbänken gesessen hat. Und zwar von der Einschulung bis zur Entlassung ins Berufsleben.

Bis dato habe das Team des Fördervereins, die Heinz Epker bei seinen „Bildungsveranstaltungen“ unterstützten, eine Besucherzahl im fünfstelligen Bereich registriert, erzählt Epker nicht ohne Stolz. Diese seien überregional aus allen Gegenden Deutschlands und auch aus dem Ausland gekommen. Darunter befanden sich neben Honoratioren, Akademikern und Prominenten auch mehrfach Lehramtsanwärter. Epker: „Es bleibt zu hoffen, dass die Letztgenannten für ihr späteres Amt keine Lektionen aus der kaisergetreuen Zeit übernehmen.“ Obwohl sich aktuell im Dienst befindliche Lehrkräfte mehrfach dahingehend geäußert hätten, dass sie sich ein bisschen Respekt von früher auch heute wünschen würden.

Nach dem Ende seines Engagements freut sich Epker, dass sich neben Renate Bröker („Frau „Leisestreng““, die schon länger mit im „Kollegium“ ist, auch eine jüngere Heimatfreundin gefunden hat, die ebenfalls die Rolle eines „Fräulein Lehrerin“ an der Landschule ausfüllen wird. Bettina Kolthoff sei die Rolle als Pädagogin in früherer Zeit auf den Leib geschneidert, ist Epker überzeugt. Mit authentischer Mimik und strengen Regeln entführe sie die Gäste in eine Welt, die eher bescheiden war und so zum Nachdenken über unsere heutige überschwängliche Konsumfreudigkeit anregt.

Führungen im Landschulmuseum können unter Telefon 02551/5418 (Annegret Arning) gebucht werden. Es sind die 3G-Regeln zu beachten.

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