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Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld richtet Blick auf Situation Geflüchteter im Nordirak und in Syrien

Menschen, keine Verschiebemasse

Steinfurt

Father Joseph ist da, wo er gebraucht wird. Der Jesuitenpater aus Malta, der in der vergangenen Woche Papst Franziskus bei seiner Irak-Reise getroffen hat, kümmert sich im nordirakischen Erbil und Dohuk vor allem um ezidische Geflüchtete. Um Frauen, Kinder und Männer, die seit Jahren in leerstehenden Ruinen oder in Zelten am Straßenrand leben, weil in den eigentlichen Flüchtlingslagern kein Platz mehr ist. Pater Joseph, der über die von Dr. Jochen Reidegeld mitgegründete „Aktion Hoffnungsschimmer“ engen Kontakt zum Steinfurter Pfarrer hat, weiß aus den dramatischen Berichten der Geflüchteten, was es bedeutet, die Heimat zu verlieren.

pbm/gun

Zusammen mit Pater Joseph (rechts) war Pfarrer und Kreisdechant Dr. Jochen Reidegeld (3. v. l.) 2019 bei seinem bislang letzten humanitären Einsatz im Nordirak und Syrien unterwegs. Foto:

Ähnlich wie sein Namensvorbild, der Heilige Josef, dem der Papst 2021 ein Josefsjahr widmet, weil der stille, unauffällige Ziehvater Jesu ein Beispiel für Mut, Fürsorge, Bescheidenheit und Verantwortung sei. Das belegt die Bibel: Ein Engel soll Josef befohlen haben, mit Maria, seiner Frau, und deren Kind Jesus vor den Mordabsichten des Kaisers Herodes nach Ägypten zu fliehen. Eine Flucht ins Ungewisse – „Genauso wie die Eziden es erleben, die seit dem furchtbaren Völkermord 2014 traumatisiert und heimatlos sind“, fügt Reidegeld an. Mehrmals schon war der 52-Jährige zu humanitären Einsätzen im Nordirak und in Syrien und hat dabei mit Pater Joseph auch die Flüchtlingslager und weitere Einrichtungen aufgesucht.

An ein Ereignis erinnert sich Reidegeld besonders, weil es ihm nicht nur im Gedächtnis, sondern auch im Herzen geblieben ist. Es war während seiner bislang letzten Reise, im Spätsommer 2019. Zusammen mit Father Joseph hat Reidegeld einen Kindergarten besucht. „Mir fiel sofort eine Mutter auf, die ihr Kind dort anmeldete.“ Vom äußeren Anschein her hätte der Pfarrer nie vermutet, dass diese Frau zu den Flüchtlingen gehört. „Sie lebte, nein, sie überlebte seit fünf Jahren mit ihren Kindern in einer Häuserruine“, weiß Reidegeld heute.

Was ihn staunen ließ: Das Kind kam mit sauberer Kleidung und ordentlich frisiert in die Einrichtung. „Für uns eigentlich eine Selbstverständlichkeit – aber was für eine Arbeit muss sich diese Frau gemacht haben, dass ihr Kind so herkommen konnte?“ Der Pfarrer stellte genau diese Frage auch Pater Joseph – der darauf antwortete: „Das ist das, was diese Mutter für ihr Kind tun kann. Ihm seine Würde zu bewahren, in dem es so ordentlich gekleidet und sauber in den Kindergartengehen kann.“

Reidegeld wird nie vergessen, was ihm damals mit einem Schlag traurig deutlich wurde: „Diese Frau ist nicht zuerst ein Flüchtling. Sie ist eine Mutter, die sich für ihr Kind nichts anderes wünscht, als dass es in Würde und Frieden aufwachsen kann.“

Doch durch Machtinteressen und religiöse Engstirnigkeit entzündeten sich Kriege, unter denen Menschen leiden und wodurch sie eben nicht in Würde und in Frieden leben können, schaut der Pfarrer auf die Situation im Nordirak und in Syrien – aber auch auf andere Krisenherde weltweit. In den Augen der politisch Verantwortlichen in diesen Regionen seien die Flüchtlinge lediglich Verschiebemasse und manchmal sogar ein politisches Faustpfand.

Den Finger in diese Wunden zu legen, den Blick darauf zu lenken, dazu, so hofft Reidegeld, könne das Josefsjahr beitragen – auch vor dem Hintergrund der biblischen Fluchterfahrung: „Die Flüchtlinge sind keine Zahlen in den Statistiken der Hilfsorganisationen, sondern Menschen, die so gesehen und so behandelt werden müssen.“

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