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Verpasstes Jubiläum: Burgsteinfurt sind vor 675 Jahren die Stadtrechte verliehen worden

Vielleicht die 700

Burgsteinfurt

Anlass zum Feiern hätte es gegeben: 675 Jahre sind vergangen, seit Burgsteinfurt zur Stadt wurde. Anders als vor 25 Jahren, als es eine prall gefüllte Festwoche zum 650. gab, ist das Jubiläum diesmal nicht gefeiert worden.

Von Günther Hilgemannund

Die Karte von Heinrich Nehmer zeigt Burgsteinfurt mit Hoher Schule im Jahr 1597. Der Ausschnitt ist als Bild auf dem Buchdeckel zum Jubiläum 650 Jahre Stadtrechte Burgsteinfurt abgebildet. Foto: Karte Heinrich Nehmer

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. So sagt man, dass man ohne Bedenken dann feiern sollte, wenn einem danach zu Mute ist oder wenn man es sich verdient hat. 2022 war dann wohl weder das eine noch das andere opportun. Zumindest, was das mögliche kleine Jubiläum der langen Stadtgeschichte angeht: 675 Jahre sind 2022 vergangen, seit Burgsteinfurt 1347 zur Stadt wurde. Moskau feierte 875 Jahre ganz pompös. Aber dort wollte man sicher auch ablenken. Das hätten wir Steinfurter natürlich nicht nötig gehabt. Sei’s drum. Aber auch die Erinnerung an die großartige 650-Jahr-Feier darf noch einmal aufgefrischt werden.

Was ging damals vor 25 Jahren für ein Ruck durch die Burgsteinfurter Bürgerschaft. Vom 5. bis zum 12. September 1997 lief das Programm einer prall gefüllten Festwoche. Anlass war die Stadtrechtsverleihung im Jahr 1347 an Burgsteinfurt. Bereits sechs Jahre zuvor hatte sich der Heimatverein auf dieses einmalige Jubiläum eingestimmt und die Initialzündung gesetzt. Alles was Rang und Namen hatte, griff zur Feder und schrieb Grußworte. Sogar NRW-Ministerpräsident Johannes Rau lobte Burgsteinfurt. „Im Lauf meiner Amtszeit als Ministerpräsident“, so schrieb er, „hatte ich bei vielen Besuchen die Gelegenheit, die landschaftlichen Schönheiten und die kulturellen Reichtümer der Stadt kennenzulernen.“ Und: „. . . dass die Bürgerinnen und Bürger hier die seltene Gelegenheit haben, sich in freier Natur zu erholen und dabei hautnah die Geschichte ihrer Heimat zu erleben.“

Sämtliche Vereine und Gruppierungen präsentierten in einem gewaltigen Festumzug Geschichte und Gegenwart. Der Festausschuss mit Lothar Hilge, Günther Hilgemann, Franz Wenning, Heinz Fehren, Bürgermeisterin Waltraud Nölleke, Wolfgang Schroer, Klaus Bosma, Ruud Gathier, Heinz Homölle, Hermann Lindhof, Wilfried Mahler, Adolf Osthues, Oskar Prinz zu Bentheim, Johann Prümers, Hans Schlockermann und Paul Varwick hatte ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine gestellt. Ob Sportclub, Kolpingfamilie, Schützenverein oder Handwerksbetrieb – jede Gruppierung warf mit tollen Darstellungen ihren Hut in den Ring. Auf dem Markt wurde, wie heute bei „Anno 1604“, von Burgmännern, Schöffen, Richtern, Edelherren, Drosten und einem Großaufgebot von Komparsen die Szene vorgespielt, in der die Stadtrechtsverleihung verkündet wird.

Der Heimatverein hatte sich die Mammutaufgabe gestellt, endlich eine umfassende Stadtgeschichte zu schreiben. Das immer noch hochaktuelle, fast 600 Seiten dicke Buch „Burgsteinfurt – Eine Reise durch die Geschichte“ beleuchtet anhand von Quellenmaterial aus verschiedenen Archiven die Entwicklung der Beziehungen des früheren Grafenhauses und der städtischen Bevölkerung in all seinen Facetten. Ein Arbeitskreis mit Wilhelm Alff, Dr. Bernhard Andree, Günther Hilgemann, Wolfgang Lübbers und Stadtarchivar Hans-Walter Pries erstellte in sechs Jahren ein Heimatbuch, das auch schon mal „Burgsteinfurter Bibel“ genannt wird.

Eine Fülle von kleineren Schriften und Aufsätzen früherer Burgsteinfurter Heimatforscher lag dem Arbeitskreis vor. Eine unglaubliche Menge an Manuskripten, Büchern, Listen und Aufzeichnungen aus diversen Magazinen und Archiven musste ausgewertet werden. Fehlende Themen für die Stadtgeschichte wurden sogar ganz neu erarbeitet, andere erhielten einen „Neuanstrich“ in zeitgemäßer Sprache. Zahlreiche seltene Fotodokumente garnieren das Buch. Heute bekommen Neumitglieder im Heimatverein als Begrüßungsgeschenk ein Exemplar des Buches aus der Restauflage.

675 Jahre hätten wir in diesem Jahr feiern können. Die Kultur der Stadt blüht auch so unermüdlich in allen Farben. Es vergeht kaum ein Wochenende, wo nicht ein neues oder traditionelles Highlight aufblitzt. Das Ehrenamt ist und bleibt eine unerschöpfliche Quelle für neue Ideen. Im Heimatverein schafft der Neustart im Stadtmuseum nach der Ära Niedermühle Motivation, neue Akzente zu setzen. Die zukünftigen Generationen werden vielleicht die „700“ anpacken.

Geschichte verdient es immer wieder, neu belebt zu werden. Wer weiß. . . ?

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