Julian Junghöfer studiert in Brasilien

Die Menschen halten sich an die Regeln

Tecklenburg/Curit...

Die Schlagzeilen, die Brasilien in deutschen Medien gerade in Corona-Zeiten erhalte, seien falsch. Das sagt Julian Junghöfer, der seit gut einem Jahr in dem südamerikanischen Land studiert. Er hat eine andere Sicht auf die Dinge.

Luca Pals

Desinfektionsmittel an den Eingängen gehören in Brasilien schon längst zum Alltag. Julian Junghöfer stellt den Brasilianern ein Lob für Vorsicht und Verantwortung im Umgang mit dem Coronavirus aus. Foto: Privat

Verzweifeltes Personal in Krankenhäusern, menschenleere Straßen, schwindelerregend ansteigende Todeszahlen und ein scheinbar übergeschnappter Präsident: Wenn Brasilien Platz in den deutschen Nachrichten findet, meißeln sich zumeist erschreckende Bilder in die Zuschauerköpfe. Aber: Auch hier ist nicht alles schwarz-weiß. Sagt zumindest Julian Junghöfer. Der Tecklenburger ist aus der brasilianischen Millionenstadt Curitiba zugeschaltet und sagt im Gespräch mit unserer Zeitung: „Die Brasilianer sind seit dem Beginn der Corona-Krise sehr verantwortlich und vorbildlich mit der Situation umgegangen.“

Julian Junghöfer

Seit mehr als einem Jahr lebt, arbeitet und studiert der 22-Jährige nun in Brasilien, lernte Land und Leute kennen und kann sich ein differenziertes Bild machen: „Viele Deutsche, mit denen ich über die Situation in Brasilien spreche, denken, dass im ganzen Land katastrophale Zustände vorherrschen und die Brasilianer von Hygiene wenig verstehen würden.“

Der junge Erwachsene, der 2017 sein Abitur am Tecklenburger Gymnasium ablegte, gibt Einblicke: „Ende März – ein bisschen später als in Deutschland – begann Corona bei uns. Die Zahlen stiegen sehr schnell. Direkt wurde das öffentliche Leben eingefroren, die Uni stellte schnell auf ihre Online-Dienste um.“

Maskentragen, Kontaktvermeidung und das Einhalten von Abständen – außer ein paar wenigen fanatischen Anhängern des Präsidenten Jair Bolsonaro würden alle die Gebote der Stunde befolgen: „Letztens war ich erstmals seit langem wieder in einer Bar unterwegs. Da lief auch alles gut.“

Die überwiegende Mehrheit der Brasilianer hält sich an die Hygieneregeln

In den deutschen Medien, sagt er, würden nur die ganz schlimmen Fälle dargestellt werden. Daher sei das Bild von Brasilien für viele Deutsche verzehrt: Sao Paulo, Rio de Janeiro und Co: „Natürlich hat Brasilien seine Hotspots. Das ist bei der Größe der Städte aber auch fast nicht zu verhindern.“ Aktuell liegt die Stadt Curitiba, in der Junghöfer seit Anfang vergangenen Jahres lebt, auf Warnstufe zwei von drei: „Bei Stufe drei würde ein Lockdown eintreten.“ Mit Blick auf Brasilien sind es dennoch erschreckende Zahlen: 2 751 655 bestätigte Fälle und 94 702 Tote (Stand: 4. August).

Schulen, Universitäten, öffentliche Plätze und Veranstaltungen – nach wie vor ist nahezu alles auf Eis gelegt. Einer Ausgangssperre konnten die Brasilianer von der Schüppe springen: „Auch weil sehr viele verantwortlich gehandelt haben“, so Junghöfer.

Julian Junghöfer

Weniger verantwortlich sei das Verhalten von Präsident Jair Bolsonaro, dessen Corona-Erkrankung bereits Geschichte ist, der allerdings an Zustimmung verlieren würde: „Das Land ist sehr gespalten. Einige sind für ihn, sehr viele gegen ihn.“ Grund ist auch die wirtschaftliche Lage: „Es gibt kaum soziale Absicherung, sehr viele Menschen rutschen in die Arbeitslosigkeit und zahlreiche Unternehmen gehen pleite“, schildert Junghöfer die Lage der Nation. Einer Nation, die er lieben gelernt hat: „Es ist wirklich eine sehr offene Gesellschaft. Durch die aktuelle Situation sehe ich leider die Gefahr, dass das Land zu viele junge gute Leute, die es eigentlich braucht, verlieren könnte.“ Er wird im Oktober zurück nach Deutschland fliegen und seinen Master in Marketing Management beginnen. Den Bachelor im deutsch-lateinamerikanischen Studiengang CALA, der an der FH Münster angeboten wird, hat er nun beendet: Zur Hälfte in Deutschland, zur Hälfte in Brasilien. Das Land kommt nicht von irgendwoher: „Während der Schule habe ich schon einen Austausch über Rotary hierhin gemacht.“ Studieren im Ausland reicht dem jungen Tecklenburger noch nicht: Nebenbei arbeitet er in der Werbeagentur „Vereda“ sowie in einem Verein (mit Ablegern in fünf Ländern), der jungen Menschen das Programmieren beibringt.

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