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Justizrat Wilhelm Fisch

Ein Pionier der jungen Fotografie

Tecklenburg

Justizrat Wilhelm Fisch und seine Frau Elisabeth führten ein gastfreundliches Haus, in dem Künstler wie die frühen „Worpsweder“, darunter Otto Modersohn und Fritz Mackensen, gern gesehene Gäste waren.

Werner Friedrich

Tecklenburg hat einen wichtigen Beitrag auf Otto Modersohns Weg zu sich selbst geleistet: Hier entwickelte sich seine künstlerische Handschrift bis hin zu einer Freiheit des Ausdrucks, mit der er alle akademischen Lehren seiner Professoren bewusst hinter sich ließ: „Sich frei fühlen von allen Fesseln der Schule, Theorie, Tradition und Konvention. Sich an nichts binden (in der Kunst), nur seinen Neigungen folgen!“ (Tagebuch, Tecklenburg, 26. März 1892).

Dass er nicht zuletzt hier künstlerisch zu sich selbst gefunden hat, ist jedoch auch seinen Begegnungen in jenem Tecklenburger Mikrokosmos zuzuschreiben, in den der junge Maler zwischen 1885 und 1892 regelmäßig eintauchte. Dabei ging es keinesfalls nur um seine künstlerische, sondern auch um seine gesellschaftliche Ortsbestimmung.

Bei seinen Besuchen in Tecklenburg logierte der junge Künstler bei seinem Bruder, dem Amtsrichter Wilhelm Modersohn und dessen Frau Elisabeth am Markt, im heutigen Haus des Gastes. Wirklich willkommen war er nicht, denn seine Schwägerin hielt nichts von Kunst, und Künstler waren für sie Nichtsnutze. Als sie dem passionierten Leser auch noch das Petroleum für seine abendliche Lektüre rationierte, hievte der einen zweiten Tisch auf den Wohnzimmertisch, stellte noch einen Stuhl darauf und las – im spärlichen Licht der nun viel näheren Lampe – unbeirrt seinen Zola. Diese „Lampen-Affaire“ war nur einer von mehreren Vorfällen, die ihn die bis zur Engstirnigkeit, ja Engherzigkeit reichende Enge dieses familiären Umfeldes von Willy und Lisbeth schmerzlich spüren ließen.

Ganz anders dagegen der Umgang mit den liberalen Nachbarn vom Meesenhof, dem Justizrat Wilhelm Fisch und dessen Frau Elisabeth: Die führten ein gastfreundliches Haus, in dem Künstler wie die frühen „Worpsweder“ gern gesehene Gäste waren. Bekannt ist die fröhliche „Kaffeerunde bei Fisch“ vom 23. Mai 1892, die großformatig im Obergeschoss des Otto-Modersohn-Museums Tecklenburg (OMMT) zu sehen ist. Doch erst die handschriftliche Notiz im privaten Fotoalbum erklärt deren wahre Bedeutung: „Mit den Worpswedern Modersohn, Mackensen, am Ende morgens um 6 beim Kaffee“: Es handelt sich also um den frühmorgendlichen Abschluss eines der legendären Bowle-Abende im Hause Fisch. „Wir waren bei Justizrat Fisch wie zu Hause“, bekundete Fritz Mackensen später in einem Brief.

Wilhelm Fisch war für den jungen Otto Modersohn ein Gesprächspartner auf der Höhe der Zeit: Als Pionier der jungen Fotografie geht ein Großteil der heute im Umlauf befindlichen Bilder von Alt-Tecklenburg auf ihn zurück; er hatte oben auf der Burg ein Windrad installiert, um bequem Wasser aus einem der tiefsten Brunnen der Stadt zu fördern – ein weltoffener Mensch mit viel Humor, technisch versiert und aufgeschlossen für künstlerische Fragen.

Es gibt Motive wie zum Beispiel die Panorama-Ansicht „Tecklenburg im Frühling“, die Otto Modersohn nicht nur auf Anregung, sondern auch nach einer Fotografie von Wilhelm Fisch gemalt hat; beispielhaft lässt sich da an Entsprechungen und Unterschieden in dem Foto um 1890 und dem Gemälde von 1892 studieren, in welchem Maße der spannungsvolle Wettstreit der jungen Fotografie mit der ehrwürdigen Malerei gerade letzterer Freiräume eröffnete und sie zu ganz neuen Sicht- und Arbeitsweisen inspirierte.

Lisa Volkamer, Wilhelm Fischs Urenkelin, professionelle Fotografin und Kunstlehrerin, ist an einigen Beispielen aus dem reichen Fundus ihres Urgroßvaters diesen Fragen nachgegangen und hat verblüffende Parallelen aufgezeigt: Wilhelm Fisch und Otto Modersohn, die sich auch persönlich sehr schätzten, haben sich offensichtlich in Themenwahl wie Komposition ihrer Arbeiten wechselseitig inspiriert. Das kann der interessierte Besucher im Obergeschoss des OMMT an einzelnen Beispielen entdecken.

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