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1988 gab es heiße Diskussionen über einen Ganztagsbetrieb an der Hauptschule

Erbitterte Redeschlachten

Tecklenburg

Es war ein schwerer Weg mit erbitterten Debatten, bis die Hauptschule Tecklenburg zu einer Ganztagsschule geworden ist. Ein Blick zurück.

Ruth Jacobus

Heute steht die Hauptschule Foto: IRuth Jacobus

Ganztagsschulen sind mittlerweile Normalität. Niemand regt sich mehr darüber auf, wenn sie eingerichtet werden. Im Gegenteil. Vor allem die Eltern begrüßen es, ihre Kinder bis zum Nachmittag gut aufgehoben zu wissen, während sie arbeiten müssen. Das war früher anders. Da gab es nicht nur Widerstand, sondern auch erbitterte Redeschlachten im Rathaus. 1988 ging es dabei besonders hart zur Sache, wie diese Zeitung berichtete. Im Fokus der Debatten: die Hauptschule. Man sah den Schulfrieden in Gefahr.

Erst nach einer hitzigen Debatte fasst der Schulausschuss im Januar 1988 mehrheitlich den Beschluss, eine Ganztagsschule zu schaffen. Einer der Knackpunkte: die Finanzierung. Ein weiterer: Widerstand besonders aus Brochterbeck. Damals hieß es in der Zeitung: „Eine erhebliche Beeinträchtigung der kirchlichen Arbeit fürchteten die Pfarrer der vier evangelischen Kirchengemeinden. Das gelte besonders für den kirchlichen Unterricht am Dienstag und Donnerstag. Eine Verlegung auf andere Tage sei nicht möglich. Pfarrer Christian Hell wollte später die Bedenken abschwächen, wenn er die Zusage erhielte, dass die Schülerinnen und Schüler der siebten und achten Klasse dienstags und donnerstags von 15 bis 16 Uhr den kirchlichen Unterricht besuchen könnten.

Während es aus der katholischen Pfarrgemeinde für Tecklenburg, Leeden und Ledde keine Bedenken gab, kam vom katholischen Pfarramt St. Peter und Paul aus Brochterbeck Kritik. Durch das zusätzliche Angebot seien drei Mädchen-, drei Jungen- und sieben Firmgruppen betroffen sowie Kinder- und Jugendchor bedroht. Man sehe dann keine Möglichkeit mehr, die kirchliche Arbeit fortzusetzen. Den Kindern und Jugendlichen könne nicht zugemutet werden, nach 16 Uhr nochmals aus den Bauerschaften ins Dorf zu kommen.“

„Fronten weiter verhärtet“, titelte diese Zeitung dann nach einer Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses. Die Fraktionen, allen voran CDU und SPD, warfen sich gegenseitig „Fensterreden“ vor. „Man stritt, polemisierte und unterstellte dem politischen Gegner üble Absichten.“ Dabei ging es auch um die Finanzierung der Ganztagsschule. In dem Zeitungsbericht über die Sitzung hieß es: „Ein greifbares Ergebnis gab es nach stundenlangem Gerangel um die Finanzierung der Ganztagsschule nicht. Der SPD-Antrag, der Einsparungen bei den Sachkosten im Fremdenverkehr vorsieht, fand ebenso keine Mehrheit wie der mutige Vorschlag des UWG-Fraktionsvorsitzenden Dr. Helmut Naumann. Er forderte zur Lösung der gesamten Finanzmisere, in der sich die Stadt Tecklenburg zur Zeit befindet, den Nachtragshaushalt 1988 durch Steuererhöhungen auszugleichen – wie von der Stadtverwaltung vorgeschlagen.“

Der Ausschuss vertagte die Entscheidung darüber, wie die Stadt die laufenden Kosten für die Ganztagsschule finanzieren will. Die CDU warf der SPD vor, die Umwandlung der Hauptschule in eine Ganztagsschule übers Knie brechen zu wollen und wies auf die Ablehnung durch Brochterbecker Eltern hin. Sie forderte die stückweise Einführung des Ganztagsangebotes und hielt die errechneten jährlichen Kosten für zu hoch.

Die SPD war der Meinung, dass die Hauptschule nur zweizügig erhalten bleiben könne, wenn deren Attraktivität durch ein Ganztagsangebot gesteigert würde.

Die FDP begrüßte zwar das pädagogische Konzept, sah aber keine Möglichkeit für eine langfristige Finanzierung der laufenden Mehrkosten von etwa 50 000 Mark pro Jahr. Und die Grünen sahen in dem Ganztagsprojekt eine neue Perspektive für die Zukunft der Schule.

Am 19. Januar 1988 tagte dann der Stadtrat und sprach sich nach gut zweistündiger Redeschlacht mit einer 18:14-Mehrheit für die Umwandlung der Schule aus. Die Ja-Stimmen kamen von SPD, Grünen und je einem Abgeordneten von CDU und FDP.

Durch Einsparungen an anderen Stellen (Gebäudereinigung 16 000 Mark, Prospekt-Druckkosten 4000 Mark und Fremdenverkehrsamt (5000 Mark) kamen 25 000 Mark zusammen.

Unsere Zeitung berichtet weiter: „Nach der Grundsatzentscheidung begann die Kleinarbeit. Das Organisationsmodell der Schule sieht vor, dass der Pflichtunterricht von montags bis freitags wie üblich morgens stattfindet. Samstags ist generell schulfrei. Lediglich die Klassen des siebten bis zehnten Jahrgangs haben an einem Nachmittag in der Woche Pflichtunterricht – zum Beispiel Kunst oder Sport – als Ersatz für den unterrichtsfreien Samstag. Während der übrigen Tage können auch sie selber entscheiden, ob sie lieber den Nachmittag zu Hause verbringen oder an den zusätzlichen Angeboten der Schule teilnehmen möchten. Dieses Extra-Programm steht auf den drei Standbeinen Hausaufgabenbetreuung, Förderunterricht und Arbeitsgemeinschaften.“

Das Ziel: „Eine optimale Förderung der Hauptschüler – ohne den Zeitdruck eines Sechs-Stunden-Tages. Dabei geht es nicht um eine reine Wissensvermittlung, sondern darum, die individuellen Neigungen der Schüler zu stärken, ihnen bei der Bewältigung des Lehrstoffs auch nach dem normalen Unterrichtstag beiseite zu stehen und sie zu sinnvoller Freizeitgestaltung anzuleiten“, heißt abschließend in dem Bericht über die Ratssitzung.

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