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Werbung für den Fremdenverkehr in den 1960er Jahren

Erst Betriebsausflug, dann Urlaub

Tecklenburger Land

In den 1960er Jahren war das Tecklenburger Land ein beliebtes Ziel für Betriebsausflüge. Darauf aufbauend versuchten die in der Fremdenverkehrsbranche tätigen Personen, die Ausflügler zu Urlaubern zu machen.

Michael Baar

„Völkerwanderung“ im Tecklenburger Land. Dieses Bild entstand bei der Premierenwanderung auf dem Teutostadtschleifchen Tecklenburg im Oktober 2018. Foto: Michael Baar

„Der Shutdown im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie war mit ausschlaggebend dafür, dass die Zahl der Gäste und Übernachtungen im März 2020 überdurchschnittlich zurückging.“ Das hat das Statistische Landesamt kürzlich mitgeteilt. Vor 55 Jahren war die Situation von großem Optimismus geprägt, wie diese Zeitung damals berichtete. „Der Kreisverband Tecklenburger Land kann auf ein für den Fremdenverkehr in jeder Hinsicht erfolgreiches Jahr 1964 zurückblicken“, hieß es damals.

Landrat Dr. Borgmann, der Oberkreisdirektor und der Kreisverkehrsverband hatten die Zahlen für das Jahr 1964 vorgelegt und nannten die Ziele für 1965. Ein Thema damals: Wie sehr wird der Bau der Autobahn (Anmerkung der Redaktion: Die „Hansalinie“ ist 1968 eingeweiht worden) bereits in die Touristik-Überlegungen einbezogen?

Die Zahl der Besucher steigt kontinuierlich

G. G. Ludwig, Kreispressemann und zugleich Geschäftsführer des Kreisverkehrsverbandes verwies darauf, „dass die Arbeit des Kreisverkehrsverbandes sich nirgendwo besser widerspiegelt als in der ständig steigenden Zahl der Besucher des Tecklenburger Landes, der Fremdenübernachtungen und der Veröffentlichungen über uns und unser Gebiet in zahlreichen Zeitschriften, Jahrbüchern, Verkehrsatlanten und so weiter“. Im Jahr 1964 habe der Fremdenverkehr bis in den Dezember hinein angehalten. Wer an den Wochenenden auf den Straßen des Kreises den Strom der Kraftfahrzeuge beobachte, deren Nummernschilder Kennzeichen aus fast allen Orten des Industriegebietes aufwiesen, wisse, dass der Verband mit der Werbung für das Tecklenburger Land richtig liege.

11 000 Reiseprospekte wurden an Reisebüros und Betriebe verschickt

Wie geworben wurde, erläuterte Ludwig ebenfalls. Im Jahr 1964 wurden insgesamt 11 000 Prospekte und Unterkunftsverzeichnisse an Reisebüros, Betriebe und Einzelpersonen verschickt. Mehrere Hundert deutscher Reisebüros wurden mit Informationsmaterial bedacht. Darüber hinaus wurden sämtliche Omnibusbesitzer des Raumes zwischen Bremen, Bocholt, Hannover, Friesland und den Niederlanden angeschrieben. Dabei wurden den Omnibusbesitzern ausführliche Fahrtenvorschläge für Ausflüge ins Tecklenburger Land unterbreitet. Alle Betriebe mit mehr als 50 Mitgliedern aus den Bereichen der Industrie- und Handelskammer des oben genannten Gebietes sind gleichfalls mit Prospekten und ausgearbeiteten Wander- und Fahrtenvorschlägen bedacht worden. Besonders der Besuch dieser Gruppen habe sich auf die Belegungsquoten vieler geeigneter Gaststätten in allen Teilen des Kreisgebietes günstig ausgewirkt.

„Rund 2000 Fremdenbetten in Hotels, Gasthöfen, Pensionen und Privatquartieren stehen für das Jahr 1965 bereit. Sechs klassifizierte Campingplätze und fünf weitere Zeltmöglichkeiten erlauben auch den Anhängern des Campingsports im Tecklenburger Land Urlaub und vor allem Platz zu finden. Acht Badeanstalten beziehungsweise Freibäder sind jetzt schon in Betrieb, weitere Freibäder sind im Kreisgebiet bereits im Bau oder in Vorbereitung. Und vor allem: Unser größtes Kapital, die herrliche Landschaft und die prächtige, saubere Luft des Tecklenburger Landes – sie bleiben uns erhalten. Durch die Ausweisung von Landschaftsschutzgebieten und Naturparks bleibe der so dringend notwendige Erholungsraum erhalten. Erholungsraum, der vor allem den Bewohnern des Industriegebietes erschlossen werden soll“, schwärmte der Geschäftsführer.

G. G. Ludwig, Geschätsführer Kreisverkehrsverband

Gerade die Werbung für den Fremdenverkehr habe zwei Gesichter. Man werbe für Ruhe, Romantik und Ursprünglichkeit eines Gebietes oder eine Ortes – und je erfolgreicher die Werbung verlaufe, um so größer sei die Gefahr, dass man durch den dann einsetzenden Besucherstrom gerade die Dinge zerstöre, für die man geworben habe. Zu gewissen Sommerwochenenden könne man vor allem in Tecklenburg schon die negativen Auswirkungen einer guten Werbearbeit verspüren. Nachdem durch Betriebs- und Gemeinschaftsfahrten viele Hunderttausende das Tecklenburger Land kennengelernt hätten, solle der Schwerpunkt der Werbung jetzt darauf liegen, Dauergäste für das Tecklenburger Land zu gewinnen.

Für das Jahr 1966 sei vorgesehen, das Tecklenburger Land in das Pauschalreiseprogramm der holländischen Eisenbahn aufzunehmen, wodurch zahlreiche Gäste für jeweils acht Tage in die heimische Region gebracht würden. Ähnliche Abmachungen für Pauschalaufenthalte von ein, zwei und mehr Wochen würden mit einigen deutschen Reisebüros vorbereitet.

Zwei Zielgruppen im Visier: Reiche Gäste mit wenig Zeit und Familien mit wenig Geld

Im Jahr 1965 soll eine Schwerpunktwerbung im Industriegebiet die Vorteile des Tecklenburger Landes für einen erholsamen Urlaub oder auch nur für eine schöpferische Pause, den Kurzurlaub am Wochenende, herausstellen. Für zwei Besucherkreise vor allem sei das Gebiet interessant, war Ludwig überzeugt: Gäste, die zwar Geld, aber keine Zeit haben. Der Geschäftsführer dachte „vor allem an Direktoren, Manager, leitende Angestellte, Betriebsinhaber, die sich schlecht von ihren Firmen trenne können. Sie finden in etlichen großen Häusern allen Komfort, den sie erwarten dürfen. Sie haben Gelegenheit, sich in der ungestörten Ruhe der Landschaft zu erholen, und sie sind trotzdem durch Telefon jederzeit so schnell erreichbar, dass sie im Notfall schon in knapp zwei Stunden wieder in ihrem Betrieb sein können“.

Die zweite Hauptbesuchergruppe seien Familien, die zwar Zeit, aber nicht all zu viel Geld hätten. Sie könnten sich langwierige und kostspielige Anreisen zum Urlaubsort ersparen. Das Urlaubsparadies, die „Bergwaldinsel Tecklenburger Land“ liege fast vor der Haustür und werde, nach Fertigstellung der „Hansalinie“, noch schneller zu erreichen sein. Zahlreiche Hotels und Gasthöfe im Tecklenburger Land, viele Privatpensionen und in zunehmender Zahl auch geeignete Bauernhöfe nähmen gerne auch Gäste mit Kindern auf. Das Tecklenburger Land sei ein Gebiet, das alle Aussicht habe, zum richtigen Ferienparadies für Menschen aus den großen Ruhrstädten zu werden.

G. G. Ludwig

Der Übergang der neuen Verkehrsverbindung über den Tecklenburger Wald im Kreis Tecklenburg werde zu den landschaftlich reizvollsten und technisch interessantesten Abschnitten der ganzen Autobahn zwischen dem Industriegebiet und der Ostseeküste gehören, war er überzeugt. Im Stillen werde beim Verband schon viel getan und vorbereitet. Vorbildliche Arbeit leisteten zudem manche Ämter und Gemeinden. Landschaftliche und historische Gegebenheiten würden die Orte im Tecklenburger Land ohnehin begünstigen. Die vorbildliche Ausgestaltung der Wanderwege, die großzügige Aufstellung von Bänken und vor allem die Sorge um die Autofahrer, denen eine Anzahl vorzüglich ausgearbeiteter Rundwanderwege angeboten werde, machten das Amt Tecklenburg in dieser Hinsicht zum Musterbeispiel.

Es sei erfreulich zu beobachten, dass zahlreiche Besitzer von Hotels und Gaststätten jetzt schon darangegangen seien, ihre Räume auszubauen und den gestiegenen Ansprüchen der Gäste anzupassen.

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