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35 Jahre Krokodiltheater: Andra Taglinger und Manfredi Siragusa zeigen Gogols „Die Nase“

Große Literatur auf kleiner Bühne

Tecklenburg

Ganz im Zeichen des 35-jährigen Bestehens stand das Wochenende beim Krokodiltheater in Tecklenburg. Besucher hatten unter anderem Gelegenheit, am Samstag Andra Taglinger und Manfredi Siragusa zu erleben, die Gogols „Die Nase“ auf ungewöhnliche Art präsentierten.

Als Könner ihres Fach zeigten sich Andra Taglinger und Manfredi Siragusa bei ihrem Gastspiel in Tecklenburg. Foto: Axel Engels

Das Krokodiltheater hat sein 35-jähriges Bestehen gefeiert. Das Wochenende auf dem idyllischen Gelände von Haus Mark stand ganz im Zeichen der Kleinkunst. Das Wasserschloss bietet dem Krokodiltheater seit nunmehr fünf Jahren durch den persönlichen Kontakt zu Ricarda Freifrau von Diepenbroik-Grüter ein Zuhause.

Hendrikje Winter und Max Schaetzke als Gründer des Krokodiltheaters sowie Babette Winter, Roman Metzner und Paula Zweiböhmer sind in der Theaterszene bestens bekannt, geben Gastspiele im In- und Ausland. Da ist es eine wunderbare Geste, dass die Vorstellungen anlässlich des 35-jährigen Bestehens von befreundeten Künstlern präsentiert werden. Nach der großen Gala am Freitagabend erlebte man in der Remise mit Andra Taglinger und Manfredi Siragusa zwei herausragende Künstler, deren Schauspielkunst auch in der Theaterszene wohl einzigartig ist.

Die gebürtige Estin Andra Taglinger beherrscht ihre Kunst perfekt, wusste mit kleinsten Veränderungen ihrer Mimik und Gestik der Figur der Columbina ein lebendiges Gewand zu verleihen. Als Erzählerin verband sie ausdrucksstarke Rezitation mit humoristisch eingefärbten Einwürfen, so dass die Inszenierung der Novelle „Die Nase“ von Nikolaj Gogol als wohl erste surrealistischen der Weltliteratur ihren ganzen Reiz entfalten konnte.

Die Handpuppen wurden von ihr zum Leben erweckt und entwickelten ein Eigenleben. Ihr Partner im hinreißenden Dialog war Manfredi Siragusa. Er wurde an der Schauspielschule des Teatro Biondo Stabile in Palermo ausgebildet, gilt als einer der interessantesten Schauspieler der Commedia dell’ Arte. Seit über zehn Jahren arbeitet er mit Andra Taglinger im Rahmen des Theater „Babelart“ zusammen, weiß dabei seine Bühnenpräsenz bestens in den Handlungsablauf einzubringen.

Als Capitano Spaccavento verkörperte er exakt den vom Testosteron bestimmten Macho, dessen „Männlichkeit“ sich in imaginären Kämpfen und Fraueneroberungen zeigt. Vom Frauenheld wechselte er eindrucksvoll zum Barbier Pantalone, dessen Weltbild mit dem Verlust der Nase als Symbol von Macht und Einfluss zerstört wird. Natürlich wäre er lieber der „berühmte“ Capitano Spaccavento und nicht der so normale Barbier Pantalone.

Aber mit Charme und List fängt ihn Andra Taglinger als Columbina immer wieder für diese Rolle ein, und nach den unglaublichsten Turbulenzen findet natürlich die rasante und fesselnde Geschichte ein gutes Ende, die Nase sitzt wieder dort, wo sie hingehört.

Die beiden sympathischen Akteure präsentierten eine spannende Verbindung zwischen der Kunst der Commedia dell`Arte und dem surrealistischen Stück von Gogol, bei dem die Zeit wie im Fluge verging. So eine stilistisch die Jahrhunderte verbindende Inszenierung erlebt man als Theaterliebhaber nur ganz selten.

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