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GHV-Vortrag über den „Mythos von der deutschen Einheit“

Machtinteressen stehen Pate

Tecklenburg

Die Betonung der Deutschen als „Kulturnation“ gegenüber der französischen „Zivilgesellschaft“ oder nackte Gewalt als probates Mittel zur Durchsetzung politischer Interessen, das waren Themen, die die Zuhörer eines Vortrags fesselten, bei dem es um die Gründung des Deutschen Reichs ging.

-bst-

Dr. Tillmann Bendikowski hielt im Kulturhaus einen kenntnisreichen Vortrag über den „Mythos von der deutschen Einheit“. Foto: Brigitte Striehn

„Die Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 wird von einer Wahrnehmungsfalle umweht“, erklärte Dr. Tillmann Bendikowski am Mittwoch in seinem Vortrag für den Geschichts- und Heimatverein Tecklenburg. Der Journalist und Historiker ging dabei dem Mythos auf den Grund, der die Geschichtsschreibung und die Denkweise vieler Deutscher seit der Krönung von Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser am 18. Januar 1871 geprägt habe. In seinem Buch „1870/71 – der Mythos von der deutschen Einheit“ erläutert er detailliert und faktenreich, wie diese Verklärung zustande kam und warum sie das wahre historische Geschehen bis heute verdeckt. „Trügt unsere kollektive Erinnerung, wenn es um die ‚deutsche Einheit‘ geht?“ fragte er.

1866 annektierte Preußen völkerrechtswidrig das Königreich Hannover – unter dem Deckmantel einer geplanten deutschen Einheit Dies sei jedoch reine Propaganda gewesen. Wilhelm I. und dem preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck sei es vorrangig um ihre Machtinteressen gegangen, so der Referent. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 kamen in blutigen Massenschlachten hunderttausende Soldaten ums Leben.

Kaiserproklamation als Demütigung

Schnittpunkt der Ereignisse nach der Kapitulation Frankreichs war die Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Versailler Schlosses. Diese gezielte Demütigung der französischen Nation wirke bis in die Gegenwart fort, ist sich der Referent sicher. Die Gründung des Kaiserreiches wurde als Wiedererstehung des mittelalterlichen Deutschen Reiches gefeiert, aber dies sei eine Lüge. Dass im Parlament zahlreiche „Reichsfeinde“ Platz genommen hatten – Katholiken, Juden, Polen, Welfen, Sozialisten, Föderalisten und Separatisten – verdeutlichte Bendikowski anhand vieler Beispiele.

Deutschland war damals konfessionell tief gespalten. Die protestantischen Hohenzollern wurden von den süddeutschen – katholischen – Fürsten geringschätzig als Emporkömmlinge ohne kulturelle Traditionen angesehen, deren Streben nach Macht auf Aggression und Gewalt beruhte. Die Rhetorik preußisch-protestantischer Eliten vom göttlichen Segen für ihr Handeln, mache sie quasi zu „Gotteskriegern“, argumentierte Bendikowski.

Tillmann Bendikowski

„Die Reichsgründung war also nicht die Geburtsstunde der Deutschen Nation, nicht der Wunsch aller Deutschen und keinesfalls Gottes Wille“, resümierte der Redner in seinem fundierten und sehr unterhaltsamen Referat. Sie schuf keine Einheit nach innen und keinen dauerhaften Frieden.

In der lebendigen Diskussion wurden gegenseitige Vorurteile der Konfessionen, die Betonung der Deutschen als „Kulturnation“ gegenüber der französischen „Zivilgesellschaft“ oder nackte Gewalt als probates Mittel zur Durchsetzung politischer Interessen angesprochen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Geschichte nicht aufgearbeitet, und die völlige Überhöhung der deutschen Einheit mit den Drang nach Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West sei auch nach dem Mauerfall keine probate Lösung.

„Von deren Mythos bleibt nach diesem gelungenen Abend nur wenig übrig“, sagte Dr. Alfred Wesselmann, der Leiter des Geschichtskreises, zum Abschluss.

Am Büchertisch der Buchhandlung Howe verkaufte Wilhelm Kienemann weitere Bücher des Autors und eine Auswahl an Regionalliteratur. Das Buch „1870/71 – der Mythos von der deutschen Einheit“ ist 2021 im Pantheon-Verlag erschienen.

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