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Vom Blumen geschmückten Marktplatz zu mystischen Felsspalten

Nächtlicher Spuk und blutrünstige Rituale

Eine der schönsten Touren des Tecklenburger Landes nimmt ihren Anfang auf dem historischen Marktplatz in Tecklenburg, umgeben von liebevoll gepflegter Fachwerkromantik. Die weiße Hexe auf grünem Grund weist den Weg.

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Auf dem historischen Marktplatz beginnt die mystische Wandertour. Foto: Wilhelm Schmitte

Mystisch, schaurig, sagenumwoben. Das regt das Kopfkino an. Eine Wanderung auf dem Hexenpfad lässt bei jedem Menschen Bilder und Assoziationen entstehen.

Eine der schönsten Touren des Tecklenburger Landes nimmt ihren Anfang auf dem historischen Marktplatz, umgeben von liebevoll gepflegter Fachwerkromantik. Die weiße Hexe auf grünem Grund weist den Weg. Manchmal sucht man nach ihr.

Mit der Legge und dem mächtigen Durchfahrtstor hat es seine besondere Bewandtnis. 1577 lässt sie Graf Mauritz als erste Leinenprüfan-stalt Westfalens bauen. Fast 200 Jahre sind dort strenge Qualitätsprüfungen des auf Hauswebstühlen hergestellten Leinens erfolgt. Auf einem sieben Meter langen Leggetisch (leggen bedeutet im Plattdeutschen auslegen) begutachten pingelige Prüfer die auf Rollen gewickelte Ware. Sind sie zufrieden, dann kann das schneeweiße Tecklenburger Leinen (Löwendlinnen) bis nach England – dort beherrscht es den Markt – verschifft werden. 1806 beendet die Kontinentalsperre abrupt einen blühenden Wirtschaftszweig.

Hoch gelegter Balkon

Die Schlossstraße ist ein hoch gelegter Balkon. Von oben schaut man in die Gärten der Fachwerkhäuser, am Horizont reckt sich der mächtige Schornstein des inzwischen abgeschalteten Steinkohlekraftwerks Ibbenbüren in die Höhe. Jetzt links ab und 97 Stufen hoch zur Burgruine, heute Bühne und Auditorium der Freilichtspiele Tecklenburg.

Um 1100 errichtet der holländische Graf von Zütphen eine Festung namens Tecklenburg. Er kassiert Wegezoll auf der wichtigen Handelsstrecke Münster-Osnabrück. Die Besitzer wechseln im Laufe der Zeit mehrfach. 1707 kauft Preußen die Grafschaft. 1744 dient die Burg als bequemer Steinbruch. Nur Fragmente der Anlage bleiben erhalten. Das „Krönchen“ mit wenigen Stufen und einer Bank gehört dazu. Der bekannte Maler Otto Modersohn – das gleichnamige Museum befindet sich in der Altstadt – entdeckt dort seine Motive.

Nebenan der Wierturm. Blick in ein dunkles Kapitel. Der aus Brabant stammende Arzt Dr. Johann Wier, 1515 in Grave geboren, 1588 in Tecklenburg gestorben, lebt auf der damals noch intakten Burg und stemmt sich mit Gräfin Anna öffentlich gegen die grassierende Hexenverfolgung. Tecklenburg bleibt von Exzessen verschont. Die Bürger danken es dem Mediziner mit einem Turm. Von oben reicht der Blick an klaren Tagen weit ins Osnabrücker- und ins Münsterland. Kurz danach den Hexentanzplatz überqueren. Hier sollen sie in der Nacht ausgelassen gefeiert haben. Als Hexe sehen Volksglaube und Märchen eine mit Zauberkräften ausgestattete Frau an.

Hexentanzplatz

Den kleinen Weinberg rechts liegen lassen und über Stufen hinein in die Hexenküche, eine zerklüftete Felsformation mitten im Wald. Der Sage nach spuken dort Hexen und Zauberer und rühren in einer Höhle Tränke, Salben und Tinkturen an. Natürlich düsen sie standesgemäß auf dem Besen. Manchmal erscheint der Teufel. Als er den dritten Hahnenschrei als Signal zur Rückkehr in die Hölle verpasst, trifft ihn der erste Sonnenstrahl. Er schreit und schlägt um sich vor Schmerz, hinterlässt einen Fußabdruck, den Teufelstritt, im Gestein. Zeit für eine Erkundung des Platzes. Vorsicht: Bei Nässe sind die Steine glitschig.

Der Weg führt zur Hauptstraße (Am Weingarten) zurück – nicht unterhalb der Felsen weitergehen – vorbei am Parkplatz Münsterlandblick und zweigt links in die Felsenstiege ab. Über einfache Treppen und schmale Pfade kommt bald Roelands Grab in Sicht. Nach Maßgabe von Familie Roeland von Gut Hülshoff treiben Handwerker eine quadratische Kammer in den Felsen. Einst Bestattungsstätte, heute frei zugänglich.

Schaurig das nächste Gestein, der Heidentempel. Heidnische Vorfahren sollen vor mehr als 1000 Jahren ihren Göttern Tieropfer gebracht haben. Zwei Nischen in einer Felswand erinnern an diese blutrünstigen Rituale. Da laufen kleinen und großen Wanderern Gänsehaut-Schauer über den Rücken.

Also weiter. Der Schlussanstieg führt zum Hermannsweg. Den Bismarckturm, auf Ruinen einer abgebrannten Windmühle gebaut, rechter Hand liegen lassen und zurück zum Startpunkt in der Altstadt. Zeit, die magischen Eindrücke bei Spaghetti-Eis, Bio-Pommes oder Kaffee und Kuchen langsam sacken zu lassen.

Der sportliche Ausflug ist eher für Familien mit älteren Kindern geeignet. Festes Schuhwerk zu schnüren, lohnt sich. Ein Hexenpfad-Führer in deutscher und niederländischer Sprache ist bei der Tecklenburg Touristik für einen Euro (zuzüglich Versandkosten) zu haben.

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