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Erinnerungen an den 1. und 2. April 1945

Ostern rollten die Panzer an

Tecklenburg-Broch...

„Ostern stand vor der Tür. Es wurde geputzt, gebügelt, ein Kuchen gebacken, ums Haus sauber gemacht. Auch mehrere Eier wurden bunt bemalt.“ Es war damals so, wie es heute ist – und doch ganz anders. Was die gebürtige Brochterbeckerin Margret Sickmann schildert, waren die Vorbereitungen auf das Fest im Jahr 1945.

Ruth Jacobus

Der Soldatenfriedhof zwischen Dreikaiserstuhl und Hockendem Weib. Dort befinden sich die Gräber von teils blutjungen Soldaten. Foto: Ruth Jacobus

„Ostern stand vor der Tür. Es wurde geputzt, gebügelt, ein Kuchen gebacken, ums Haus sauber gemacht. Auch mehrere Eier wurden bunt bemalt.“ Es war damals so, wie es heute ist – und doch ganz anders. Was die gebürtige Brochterbeckerin Margret Sickmann schildert, waren die Vorbereitungen auf das Fest im Jahr 1945. Damals wie jetzt wieder fiel Ostern auf den 1. und 2. April. Der Zweite Weltkrieg näherte sich dem Ende: Britische Truppen rückten auch im Tecklenburger Land an, eroberten Brochterbeck und schossen 17 Häuser in Schutt und Asche.

Hubertus Heemann erinnert sich noch sehr gut daran. Damit die persönlichen Erlebnisse nicht in Vergessenheit geraten, war es ihm ein Anliegen, sie niederzuschreiben – und andere Brochterbecker ebenfalls darum zu bitten. Damit verbunden sein sollte auch die Botschaft an die Jugend, immer auf der Suche nach der Wahrheit zu sein.

Vor gut zehn Jahren ist das Buch „Ein kleines Dorf“ erschienen, in dem die Geschehnisse mehrerer Brochterbecker zum Kriegsende festgehalten sind. Nun, da Ostern erneut auf den 1. und 2. April fällt, werden die Erinnerungen wieder wach. Elternhaus von Hubertus Heemann war das damalige „Hotel Westfalia“ nahe der evangelischen Kirche.

„Am Morgen des zweiten Ostertages, also am 2. April 1945, hatten britische Truppen den Dortmund-Ems-Kanal in Dörenthe überquert. Ihr Vormarsch auf Ibbenbüren wurde ein Stück vor der Rodelbahn gestoppt, weil die ersten Panzer von deutschen Soldaten kampfunfähig geschossen worden waren. Auf dieser recht engen Straße, die links und rechts von hohen Bäumen des Teutoburger Waldes begrenzt war, bildeten diese zerstörten Panzer ein so großes Hindernis für die nachrückenden Truppen, dass sie diese Straße verließen und in Richtung Brochterbeck ratterten“, erzählt Hubertus Heemann. „So kam es, dass am Vormittag des zweiten Ostertages drei britische Panzer auf dem westlichen Kleeberg standen, mit drohenden Rohren, aus denen manchmal Rauchschwaden aufstiegen. Brochterbeck war nun Front.“

Hubert Poerschke berichtet: Der Rückzug der deutschen Soldaten wurde immer massiver. In der Karwoche 1945 rollten Tag und Nacht Pferdefuhrwerke mit deutschen Soldaten an unserem Haus vorbei, ganz selten einmal motorisiert. Viele Soldaten waren ausgehungert und baten um etwas Essen und Trinken.“

Weiter erzählt er: „Es kam Ostern 1945. Mein Vater war zu 6 Uhr in die Ostermesse gegangen und kam mit der Meldung zurück, dass das Dorf Brochterbeck verteidigt werde und von allen Bewohnern geräumt werden müsse.“ Die Familie mit sieben Kindern packte die nötigsten Sachen in einen Bollerwagen, zog zum Dast und kam beim Bauern Dassmann unter. Auch viele andere Familien fanden Unterschlupf bei Landwirten. Dort harrten sie aus und verfolgten das Geschehen aus der Ferne.

Dr. Heinrich Heukamp berichtet vom Ostermontag: „Am Morgen des 2. April standen die britischen Truppen auf der Dörenther Straße vor dem Ort und warteten, wie inzwischen wohl üblich, auf die Übergabe des Dorfes. Als nichts geschah, zogen sie sich etwa einen Kilometer zurück, und mehrere Panzer fuhren auf den westlichen Kleeberg und begannen zu schießen.“

Auch Richard Engelbert hat die Panzer auf der Dörenther Straße vorrücken sehen. „Ich kann mich gut erinnern, wie einige Male Granaten aus den Panzerrohren zuckten und unmittelbar darauf ein lautes Krachen zu hören war. Zuerst brannte die Gärtnerei Liede und dann der Hof Kaldemeyer. Kurz danach standen die Häuser Wallmeier, Schwakenberg und Köster in Flammen.“

Bernhard Ventker berichtet in dem Buch, dass die Kämpfe im Teutoburger Wald nach Ostern noch nicht vorbei waren. „Gott sei Dank nur ein einziges Mal wurde ich von irgendeiner Stelle verpflichtet, bei der Bergung von toten Soldaten zu mithelfen. Noch heute sehe ich, wie wir drei oder vier Jungen mit dem langen Bollerwagen von Schulte-Brochterbeck in Richtung Dreikaiserstuhl zogen. Ein deutscher Soldat saß unnatürlich gekrümmt hinter einer Kiefer. Sein Uniformrock war voller Blut, er war tot. Für mich war das alles grauenvoll.“

Hubertus Heemann war damals neun Jahre alt. Auch die anderen Brochterbecker, die in seinem Buch zu Wort kommen, waren 1945 noch Kinder oder Jugendliche, die das Geschehen hautnah miterlebt haben. Und die auch ihre Erinnerungen geschildert haben von Begegnungen mit den englischen Soldaten. „Wenn ich an unser Verhältnis zu den britischen Besatzungstruppen denke, dann fallen mir eine Menge Begegnungen ein, die höchst konträr waren. In meinen Kinderaugen waren sie zunächst einmal und immer noch unsere Feinde“, erläutert Heemann. Während er mit seiner Familie in einem Bunker hausen musste, lebten die Soldaten im Hotel seiner Familie und in anderen Gebäuden. Die Soldaten hätten alles im Überfluss gehabt, seien den Kindern gegenüber aber auch recht großzügig gewesen.

Nach einem bösen Sturz beim Schlittenfahren im Winter 1945/46 hat ein englischer Soldat Hubertus Heemann gefunden, nach Hause getragen und ihn regelmäßig besucht. Er hatte weitere positive Erlebnisse. „Ein Höhepunkt in dieser Zeit war ein Fußballspiel, das auf Schulten Schweinewiese zwischen englischen Soldaten und der Mannschaft vom TuS Lengerich stattfand und 3:2 für die Engländer endete“, schreibt der Brochterbecker. „Freundschaft mit dem Feind? Ich hatte das Glück, dass mir feindliche Soldaten schon früh eine solche Erfahrung vermittelt haben. Noch heute bin ich ihnen dafür dankbar.“

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