Graf Otto und sein Sohn Konrad treffen vor 500 Jahren in Worms Martin Luther

Reise wird ein Schlag ins Wasser

Tecklenburg

Auf dem Reichstag in Worms wollte Graf Otto vor 500 Jahren die Privilegien und Regalien seiner Grafschaft Tecklenburg bestätigt erhalten. Die Hoffnung, eine Entschädigung für den nicht sauber gelaufenen Verkauf der Grafschaft Schwerin zu erhalten, zerschlug sich. Es gab Wichtigeres zu bereden: Die Thesen des Mönchs Martin Luther.

Von Harald Klöpper

Graf Konrad 1543 und Martin Luther 1521. Foto: privat

Worms, Tecklenburg und die Wartburg verbindet vor 500 Jahren ein Thema: die Reformation. Zusammen hatten sich der Tecklenburger Graf Otto und sein damals 19-jähriger Sohn Konrad auf den Weg nach Worms gemacht. Vor Kaiser und Reichstag wollten sie 1521 die Privilegien und Regalien für die Grafschaft Tecklenburg bestätigen lassen. Außerdem hegten sie die Hoffnung, zumindest eine Entschädigung zu bekommen für den nicht ganz sauberen Verkauf der Grafschaft Schwerin (Boitzenburg).

Überliefert ist, dass sie zusammen mit gerade einmal einer Handvoll Menschen gereist waren. Kein Vergleich zu Kaiser Karl V. oder dem gerade einmal 16-jährigen Philipp von Hessen. Der zeigte es allen: 400 Gewappnete waren gerade einmal gut genug, um die mühsam errungenen Herrschaftsansprüche auf Hessen auch allen vor Augen zu führen.

In dem Reichstags-Gerangel um Macht und deren Erhalt drohte beinahe einer unterzugehen: der damals noch hagere Wittenberger Mönch Dr. Martin Luther. Auf der Prioritätenliste stand er alles andere als oben. Lästig war er und Kaiser Karl V. hoffte, ihn nach wenigen Minuten in die Knie zwingen zu können.

Luther allerdings bockte. Er weigerte sich, den bequemeren Weg zu gehen und berief sich am 18. April auf sein Gewissen und forderte eine Widerlegung nach reformatorischen Prinzipien: Er würde nur widerrufen, wenn seine Argumente gegen Missstände in der Kirche ausschließlich mit der Bibel widerlegt werden könnten.

Ob Graf Otto, sein Sohn Konrad oder Philipp von Hessen davon beeindruckt waren, lässt sich nicht nachweisen. Eher nicht. Denn Philipp öffnete sein Land erst fünf Jahre später für die Reformation und bei Konrad fehlen vor 1534 plausible Dokumente.

Zurück zu Luther: Dem Kaiser gefiel dessen Verhalten keineswegs. Aber er hatte versprochen, Luther unbehelligt nach Wittenberg zurückkehren zu lassen. Drei Wochen lang würde ihn darum sein Zorn nicht treffen.

Inzwischen laufen die diplomatischen Drähte heiß. Innerhalb einer Woche schickt Luthers Landesherr, Friedrich der Weise, seinen Kanzler Georg Spalatin zu Luther. Die Botschaft: in Wittenberg sei Luther auf Dauer nicht sicher. Das Beste für ihn sei, erst einmal von der Erdoberfläche zu verschwinden.

Vier Wochen vor dem offiziellen Ende des Reichstages machte sich darum Luther auf den Heimweg nach Wittenberg (26. April). Am 4. Mai 1521 kommt es dann zum geplanten „Verschwinden“. Eine Entführung wird vorgetäuscht und Luther ist tatsächlich „weg“ und selbst für die meisten Freunde nicht mehr aufzufinden. Noch am 17. Mai mutmaßt Albrecht Dürer: Luther sei wahrscheinlich „gemördert worden.“

Gleichzeitig haben der Kurfürst (Friedrich der Weise) und sein Kanzler Spalatin ein perfektes Alibi: sie sind noch auf dem Reichstag in Worms, könnten darum unmöglich wissen, was inzwischen passiert ist.

Dennoch werden sie kaum ruhig geschlafen haben, denn sie erleben, wie die Maßnahmen gegen Luther von Tag zu Tag verschärft werden. In der Endfassung des „Wormser Edikts“ (25. Mai unterschrieben, auf den 8. Mai vordatiert) verspricht Kaiser Karl V.:

Eine üppige Belohnung auf Luthers Gefangennahme und Auslieferung.

Um den Kreis und den Ehrgeiz der Häscher zu erhöhen, dürfen diese auf der Spurensuche nach Luther alles Gut von Verwandten und mutmaßlichen Freunden Luthers für ihren eigenen Besitz einkassieren.

Und Luthers Schriften? Der Kaiser schreibt im „Wormser Edikt“ dazu: „Solche Bücher und Schriften sollen nicht nur gemieden, sondern aus dem Gedächtnis der Menschen gelöscht und für immer vertilgt werden.“

Wie ging es mit Luther weiter nach dem tatsächlich stattfindenden, aber vorgetäuschten Überfall? Luther musste umsteigen: von der Kutsche auf einen für ihn völlig unbekannten Pferderücken. Mehrere Stunden waren er und seine „Entführer“ so mehr oder weniger gekonnt unterwegs. Erst kurz vor Mitternacht erreichten sie am 4. Mai die Wartburg, ein geradezu perfektes Versteck für die nächsten 300 Tage.

Todmüde wird Luther abends nach seiner Ankunft auf der Wartburg ins Bett gefallen sein. Drei Tage braucht er anscheinend, um sich zu erholen. Erst am 8. Mai schreibt er an Melanchthon, seinen bewährten Mitstreiter in Wittenberg: Er sei wohlauf, fühle sich aber wie an einem falschen Platz. „Schweigen, leiden, beten“, so fasst er seinen Aktionsradius zusammen. Da liegen noch 294 Tage „Homeoffice“ vor ihm.

Und so macht er das, was viele im Homeoffice machen: er „twittert“ an Freunde, leidet an Bewegungsmangel und isst zu viel. Nicht gut für jemanden, der schon seit den Wormser Tagen an Verstopfung leidet. Depressionen, oder in Luthers Sprache „Anfechtungen“, kommen hinzu. Dennoch: als wertvollstes Zeugnis seiner Schaffenskraft entsteht in nur zehn Wochen seine Übersetzung des Neuen Testaments in eine allgemeinverständliche deutsche Sprache.

Graf Otto und Sohn Konrad? Sie reisen unverrichteter Dinge aus Worms ab. Ihr Anliegen wurde in einen Arbeitsausschuss verwiesen, der über Jahrzehnte zu keinem Ergebnis kommen wird.

Auch die Reformation der Tecklenburger Lande lässt auf sich warten: Vater Otto beharrt bis zu seinem Tod (1534) auf dem katholischen Glauben und Sohn Konrad scheint den evangelischen Glauben erst durch seine Heirat zu entdecken (1527).

Was Konrad an Reformation durchführt, erscheint im Nachhinein als willkürlich und hatte einen teuren Preis: von den evangelischen Fürsten im Stich gelassen, unterliegt er Kaiser Karl V. und muss 1547 die Hälfte seiner Grafschaft abgeben.

Kuriosum der Geschichte: Damals lag die Grenze zwischen Spanien und Deutschland zwischen Brochterbeck und Lengerich.

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