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Tecklenburger Gespräche: Politik in der Pandemie

Starke Wirtschaft ist kein Selbstzweck

Tecklenburg

Coronavirus und Wirtschaft: Welche Zusammenhänge gibt es und welche Auswirkungen? Damit befassten sich die Tecklenburger Gespräche.

-je-

Abstand halten war selbstverständlich bei den Tecklenburger Gesprächen mit Professor Johannes Hirata. Foto: Jannik Engelbert

War die Wirtschaftspolitik während der Corona-Pandemie in Deutschland ein Erfolg? Oder doch ein totales Desaster? Und woran macht man diese Bewertungen überhaupt fest? Das sind nur einige der vielen Fragen, die Professor Dr. Johannes Hirata den Interessierten näherbringen wollte. Im Rahmen der Tecklenburger Gespräche war er am Donnerstagabend zu Gast im evangelischen Gemeindehaus. Hirata arbeitet an der Hochschule Osnabrück und ist in der Volkswirtschaftslehre spezialisiert auf Wirtschaftsethik und Nachhaltige Entwicklung.

In seinem Vortrag erklärte er zunächst, welche Auswirkungen es im Zusammenhang mit dem Coronavirus auf die Wirtschaft gab und welche Gegenmaßnahmen ergriffen wurden. Generell lasse sich zusammenfassen, dass es Rückgänge in Beschäftigung, Wirtschaftsleistung und Kapitalanlagen gab, welche die Wirtschaft auf den Stand aus dem Jahr 2016 zurückgeworfen hätten. Dennoch sei festzuhalten, dass die meisten Haushalte nur sehr wenig Konsequenzen gespürt haben und teilweise aufgrund geringerer Ausgaben sogar Kapital dazu gewonnen haben.

Existenzgefährdungen und Härtefalle

Existenzgefährdungen und Härtefalle gab es vor allem in einzelnen Branchen wie zum Beispiel in der Gastronomie. Es hätte in dieser Situation also die Chance gegeben, auf dem Gemeinsinn der Bevölkerung aufbauend viele Kosten durch die Menschen zu decken, welche vielleicht sogar finanziell profitiert haben. Stattdessen wurden die Fördergelder aber durch Schuldenneuaufnahme gedeckt, so der Referent. Dazu komme, dass zum Beispiel das Kurzarbeitergeld ein Instrument sei, das sich vor allem positiv auf Unternehmen auswirke, für Arbeitnehmer durch den verminderten Lohn eher nicht.

Laut Professor Hirata konzentrierte sich der Staat zu sehr darauf, Produktion und Wirtschaftsleistung hochzuhalten und vergaß dabei, dass eine starke Wirtschaft kein Selbstzweck ist, sondern dafür gemacht ist, die Menschen finanziell zu sichern. So stellt sich die Frage, ob bei Krisen wie Klimawandel oder demografischem Wandel der Fokus mehr darauf liegen sollte, im Gemeinsinn zu arbeiten als auf Systemerhaltung zu setzen. Im Bezug auf den Klimawandel ist es laut Hirata auch sehr unwahrscheinlich, dass eine genügend starke Entkopplung von Produktionswachstum und Ressourcenverbrauch möglich ist. Das heißt, dass mit einer steigenden Wirtschaftsleistung das Einhalten des Pariser Klimaabkommens nur möglich wäre, wenn es noch nie dagewesene technologische Durchbrüche geben würde.

Ideal des Wirtschaftswachstums

Realistischer wäre, dass man sich vom Ideal des Wirtschaftswachstums verabschieden sollte, um in einer „doppelten Entkopplung“ neben dem Ressourcenverbrauch auch die Anzahl der Konsumgüter zu reduzieren. Da erwiesenermaßen das relative und nicht etwa das absolute Einkommen entscheidend dafür ist, wie zufrieden jemand ist, ist die Gesamtwirtschaftsleistung nicht entscheidend für die Zufriedenheit der Bevölkerung. Der einzige Zusammenhang besteht laut Hirata in der Beschäftigungsquote, denn Menschen mit Job sind im Durchschnitt glücklicher.

Tatsächlich sei der Zusammenhang zwischen Beschäftigung und Wachstum in einem menschengemachten System wie der Marktwirtschaft aber durchaus aufzulösen. Die Hindernisse so eines Umschwungs in der Wirtschaftspolitik seien vor allem die bestehenden gesellschaftlichen Normen wie das eigene Anspruchsdenken oder die Ideologie der Produktion als Zweck der Wirtschaft. Ziel müsste es nach Professor Hirata also sein, durch Aufklärung einen moralischen Wandel zu erreichen, damit die großen Herausforderungen der Zukunft, allen voran der Klimawandel, gemeistert werden können.

Nach dem informativen Vortrag gab es noch eine Diskussionsrunde mit den Gästen, in der viele weitere Ideen ausgetauscht wurden. Anschließend bedankte sich Mitorganisator Dr. Heinrich Winter bei Professor Johannes Hirata mit einer kleinen Aufmerksamkeit für sein Referat.

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