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Türkische Flüchtlinge haben Sorge vor einer pauschalen Verurteilung aller Muslime

„Wir verurteilen diese Taten“

Ladbergen

Ein Muslim kann kein Terrorist sein, ein Terrorist kann kein Muslim sein“, lautet das Motto, unter dem sechs Flüchtlinge aus der Türkei deutlich machen, dass sich die Angriffe in Nizza und Wien gegen die Lehren ihres Glaubens richten. Sie selber setzen sich für ein Miteinander aller Religionen ein.

Dietlind Ellerich

Fatih, Ferit, Zübeyde, Enin, Mustafa und Acer (von links) setzen sich für ein Miteinander aller Religionen ein. Foto: Dietlind Ellerich

„Sehr geehrte Frau Anita, es tut uns sehr leid, was in Frankreich passiert ist. Wir sind nicht radikal und wir denken, wir sollten in Brüderlichkeit leben. Ich möchte mein Beileid und meine Trauer für diesen traurigen Vorfall teilen. Ich zolle allen unseren christlichen Freunden meinen Respekt“, heißt es in der Nachricht, die Anita Seebass vom Integrationskreis Ladbergen nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty Mitte Oktober in Frankreich erhielt. Der Absender war einer „ihrer“ Schützlinge, dem es wie anderen in Ladbergen lebenden türkischen Flüchtlingen wichtig ist, sich von dem grausamen Geschehen in einem Pariser Vorort und den Terroranschlägen in Nizza Ende Oktober und in Wien Anfang November zu distanzieren. „Wir verurteilen diese Taten und sind gegen jede Gewalt“, stellen die Neu-Ladberger klar.

Mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit möchten Mustafa, Acer, Enin, Fatih, Zübeyde und Ferit ein Zeichen setzen. Sie gehören zu denjenigen, die aus der Türkei geflüchtet sind, weil sie Angst hatten, als Lehrer, Journalisten oder Verwaltungsbeamte ins Gefängnis zu kommen, wenn sie ihre Meinung offen aussprechen. Da einige Angst um ihre Familien in der Heimat haben, möchten sie nur mit ihren Vornamen in Erscheinung treten.

Mustafa

Sie haben Sorge vor einer pauschalen Verurteilung und vor wachsender Islamfeindlichkeit. „Ein Muslim kann kein Terrorist sein, ein Terrorist kann kein Muslim sein“, lautet das Motto, unter dem sie deutlich machen, dass sich die Angriffe gegen die Lehren ihres Glaubens richten. Sie selber setzen sich für ein Miteinander aller Religionen ein und haben Jean-Gottfried Mutombo, den Regionalbeauftragter des Amts für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung in den westfälischen Kirchenkreisen um Unterstützung gebeten.

„Wir können auch mit unterschiedlichen Religionen und Meinungen Freunde sein und zusammen diskutieren“, wünschen sie sich einen Dialog als Basis für das gute Miteinander aller Menschen. Anita Seebass, die seit mehr als 30 Jahren im Ladberger Integrationskreis aktiv ist, lobt die engagierte Gruppe von Flüchtlingen. „Sie wollen sich einsetzen und sich integrieren“, sagt sie, gibt aber zu bedenken, dass die Hemmschwelle, sich darauf einzulassen, bei vielen noch sehr hoch ist.

Einen großen Schritt in Richtung mehr Miteinander haben die türkischen Familien am vorletzten Wochenende unternommen. Eine Abordnung hat Pastorin Miriam Seidel nach dem Gottesdienst in der evangelischen Kirche überrascht, um sich von den Angriffen in Frankreich und Österreich zu distanzieren und einen Blumenstrauß zu überreichen. Seidels Kollegin Dörthe Philipps begrüßt die Initiative der türkischen Flüchtlinge.

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