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Serie (Teil 1): Pfarrer Klemens Niermann und die missglückte Fluchthilfe

An der Grenze schnappt die Falle zu

Tecklenburger Land

Am Freitag, 25. März 1977, um 20.35 Uhr, schnappte die Falle zu. Ein DDR-Grenzer winkte den Audi 60 mit dem Kennzeichen ST-D219 an die Seite. Am Steuer: Klemens Niermann, Berufsschullehrer und katholischer Pfarrer aus Ibbenbüren. Im Kofferraum: Gabriele Gerecke, DDR-Bürgerin aus Berlin-Ost. Sie war auf der Flucht in den Westen.

Günter Benning

Gabriele Gerecke und Fluchthelfer Klemens Niermann  direkt nach der Festnahme am Grenzübergang Marienborn. Das Bild stammt aus der Stasi-Akte des Ibbenbürener Pfarrers. Der Stempel BStU steht für Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen. Foto: privat

Am Freitag, 25. März 1977, um 20.35 Uhr, schnappte die Falle zu. Der Grenzübergang Helmstedt-Marienborn war eine große Fläche mit ruckligen Betonplatten. DDR-Grenzer blickten aus Wellblechcontainern auf die Autoschlange, die sich im Transitverkehr aus Berlin in Richtung Westen bewegte. Und die mit den üblichen Schikanen gebremst wurde. Einer von ihnen in steingrauer Uniform winkte den Audi 60 mit dem Kennzeichen ST-D219 an die Seite.

Am Steuer: Klemens Niermann, Berufsschullehrer und katholischer Pfarrer aus Ibbenbüren. Im Kofferraum: Gabriele Gerecke, DDR-Bürgerin aus Berlin-Ost. Sie war auf der Flucht in den Westen. In die Freiheit. Die Entfernung zur Staatsgrenze, weist das Verhaftungsprotokoll penibel aus: 1000 Meter.

Nach Klemens Niermann wurde jüngst der Platz zwischen Caritas und Polizeiinspektion in Ibbenbüren benannt. Der ehemalige Krankenhauspfarrer starb am 6. Februar 2007. Der Alt-Schermbecker ist vielen Menschen in Ibbenbüren und Umgebung als ein „Gesinnungstäter“ bekannt, einer der aus tiefstem katholischen Glauben heraus Nächstenliebe lebte. Vorsicht war nicht seine Sache. Angst auch nicht.

Foto: Privat

Die Geschichte der Fluchthilfe, die den Pfarrer fünf Tage vor seinem 49. Geburtstag ins DDR-Gefängnis brachte, spricht darüber Bände. Für das „Verbrechen“ verurteilte ihn das Neustrelitzer Kreisgericht am 5. Mai 1977: drei Jahre und sechs Monate. Abzusitzen im Ost-Gefängnis Rummelsburg.

Über Klemens Niermann gibt es eine Stasi-Akte. Der allgegenwärtige Staatssicherheitsdienst der DDR hatte den Pfarrer bei seiner Reise in die Deutsche Demokratische Republik auf Schritt und Tritt verfolgt. Alle Details auf Hunderten Seiten, zwischen zwei Pappdeckeln. Es ist das Dokument einer idealistischen Freundschaftstat, einer west-östlichen Liebe und eines krakenartigen Schnüffelstaates.

Gleich zu Beginn ein Schwarz-Weiß-Foto. „Die Beschuldigten Niermann und Gerecke vor dem Schleusungsfahrzeug“, schrieb der Ermittler darunter. Im Hintergrund der geöffnete Kofferraum, in dem sich Gabriele Gerecke, damals gerade 28, gezwängt hatte. Ein Staubsaugerschlauch führte von dort in den Innenraum des Wagens. Für die Luftzufuhr. Den soll, erfährt man später, Pfarrer Niermann für zehn Mark in einem Berliner Hotel gekauft haben.

Foto: Privatat

Die beiden wirken perplex, Niermann eher skeptisch, Gerecke eher schuldbewusst. Sie müssen ahnen, was sie erwartet.

Die Ibbenbürener erfahren erst sechs Tage später aus der Lokalzeitung, dass der beliebte Seelsorger Klemens Niermann verhaftet wurde. Pfarrer Leonhard Rüster schreibt danach sofort an die Ständige Vertretung der Deutschen Demokratischen Republik in Bonn: Der Inhaftierte sei wegen seines sozialen Einsatzes überall geschätzt, versucht er Milde zu erwirken: „Bei arm oder reich, jung oder alt, kirchlich oder unkirchlich.“

Wie andere Dokumente landet dieser Brief in Niermanns Stasi-Akte. Gewirkt hat er nicht.

 Lesen Sie In der nächsten Folge: Wer war Gabriele Gerecke ? Theatermann Einar Schleef und der Pastor

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